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Bessarabien unter russischer Herrschaft

(Teil 2 von 4)

 

Bojaren im 16./17. Jahrhundert
Bojaren im 16./17. Jahrhundert

als Napoleon 1812 den Feldzug gegen Russland führte, überließ Zar Alexander I. die Provinz Bessarabien zunächst der eingesessenen moldauischen Oberschicht der Bojaren1, zumal ein großer Teil von ihnen den Anschluss an Russland begrüßt hatte.

Der Großteil der Bevölkerung aber waren kleine Bauern, die für den Eigenbedarf produzierten.

 

Das Land war durch die ständigen Kriege verwüstet und die einheimische Bevölkerung durch eine korrupte Bürokratie ausgepresst. Eine geordnete Verwaltung existierte nicht. Die Masse der Bauern war zwar persönlich frei, besaß aber kaum eigenes Land und blieb daher von den adligen Grundbesitzern abhängig.

Alexander Tokarev: Lipovanermonument in Vylkove
Alexander Tokarev:
Lipovanermonument in Vylkove

 

Nach der Eroberung Bessarabiens flohen viele westlich des Flusses Pruth aus Angst vor der kommenden Einführung der russischen Leibeigenschaft, die zu diesem Zeitpunkt in Bessarabien nur noch bei Zigeunern praktiziert wurde, aber in Russland noch alle ethnischen Gruppen umfasste.

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts waren einige russische Leibeigene und Raskolniki2 (deutsch: Abspalter), später Lipowaner3 genannt, nach den kirchlichen Reformen des Patriarchen Nikon nach Bessarabien geflohen, wo sie sich in die Sümpfe der Donaumündung zurückgezogen hatten.

mehr zu den Reformen des Patriarchen Nikon ...... klicke hier

 

Scarlat Sturdza
Scarlat Sturdza

Erster Zivilgouverneur in Bessarabien war der moldauische Bojare1 Scarlat Sturdza.

Pawel Wassiljewitsch Tschitschagow
Tschitschagow

Ihm folgte wenig später der russische Admiral und Chef der Donauarmee Pawel Wassiljewitsch Tschitschagow, der den neuen Oblast (russisch für Provinz) Bessarabien neu organisieren sollte.

Nach Jahren der Improvisation und Rechtsunsicherheit gewährte das 1818 veröffentlichte Bessarabische Statut der Provinz eine weitgehende Autonomie, die die herrschende Schicht für ihre Interessen ausnutzte.

Neurussland: Ekaterinoslav, Taurien, Nikolev (später Cherson)
Neurussland:
Ekaterinoslav, Taurien, Nikolev (später Cherson)

1828 wurde die Verwaltung Bessarabiens an die der anderen Gouvernements des russischen Reiches angeglichen und dem General-gouverneur von Neurussland unterstellt.

Der Russifizierungdruck mit Einführung der russischen Sprache als Amtssprache begann.

 

Der 9. Russisch-türkische Krieg (1828 - 1829)4

January Suchodolski: russich-türkischer Krieg
January Suchodolski: russich-türkischer Krieg

Der Friede von Adrianopel (das heutige Edirne in der Türkei) beendete den 9. russisch-türkischen Krieg.

Russland, Gewinner des Krieges, erhielt fast die gesamte Donaumündung zugesprochen, ferner Teile Armeniens und einige wichtige Festungen am Oberlauf der Kura, dem größten Fluss Transkaukasiens.

Für Russland bedeutete das nicht nur die freie Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer und durch die Dardanellen, sondern auch die Kontrolle über die Donauschifffahrt und den freien Zugang zum Mittelmeer.

 

Der 10. Russisch-türkische Krieg (Krimkrieg) (1853 - 1856)

Seeschlacht bei Sinope von Ivan Ajvazovskij
Ivan Ajvazovskij: Seeschlacht bei Sinope

Am Ende des 3 Jahre dauernden Krimkrieges kamen 1856 durch den Pariser Frieden das Donaudelta und 2 Bezirke Südbessarabiens (Ismail und Kahul) wieder zum Fürstentum Moldau. Somit verlor das Russische Reich wieder den Zugang zur Donau. 22 Jahre später sollte Russland auf dem Berliner Kongress dieses Gebiet jedoch wieder zurück erhalten.

Friede von Paris, 1856
Friede von Paris, 1856

 

1856 lebten in Bessarabien rund 990.000 Menschen, darunter:

  • 736.000 Rumänen (74,3 %)
  • 254.000 Nichtrumänen (25,7 %) davon:
    • 87.100 Ukrainer (8,8 %)
    • 79.200 Juden (8 %)
    • 47.500 Bulgaren5 und Gagausen6 (4,8 %)
    • 23.800 Deutsche 2,4 %)
    • 10.900 Zigeuner (1,1 %)
    • 5.500 Russen (0,6 %)

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1 Bojaren = Adlige unterhalb des Ranges eines Fürsten (Knjas). Vom 8. - 14. Jahrhundert, teilweise bis noch 1945, bildeten sie die herrschende Schicht der Großgrundbesitzer.

2 Raskolniki = (von russisch raskol "Spaltung"), die nach den Reformen des Patriarchen Nikon von der russisch-orthodoxen Kirche abgespaltenen Gruppen (Selbstbezeichnung Altgläubige, auch Altritualisten), die auf der altrussischen Tradition in Brauchtum, Liturgie und Riten beharrten. Der seitens der russisch-orthodoxen Kirche 1656 und 1667 gegen die Raskolniki ausgesprochene Kirchenbann wurde 1971 aufgehoben.

3 Lipowaner = altgläubige orthodoxe Christen, die an der Donaumündung, im Budschak (heute Oblast Odessa, Ukraine) und in der Norddobrudscha (Rumänien), wohnen. Sie sprechen eine sehr alte Version der russischen Sprache. Im Russischen Reich wurden sie von Staat und Kirche verfolgt.

4 Die Russisch-Türkischen oder Russisch-Osmanischen Kriege waren eine Folge von 11 Kriegen zwischen dem Russischen Reich und dem Osmanischen Reich. Zwischen den einzelnen Kriegen lagen im Schnitt 13 Jahre. In ihrem Verlauf musste das Osmanische Reich nach und nach Gebiete rund um das Schwarze Meer an Russland abtreten. Die Kriegsanstrengungen und die Niederlagen führten im Osmanischen Reich zum inneren Zerfall und Niedergang.

5Bulgaren = einzelne bulgarische Familien kamen schon 1770, 1790 und 1806 als Emigranten in die Gegend von Ismail, in den Budschak nach Südbessarabien, um Schutz vor dem Osmanischen Reich zu finden. 1812, nachdem Bessarabien zum Russischen kam, lebten bulgarische Kolonisten in 60 Dörfern Bessarabiens.
Größere Gruppen wanderten im Rahmen der russischen Ansiedlungen nach der endgültigen russischen Übernahme von 1812 ein. Sie ließen sich westlich von Ismajil bei der Stadt Bolgrad und auf den von den Tataren verlassenen Gebieten im Süden nieder.
1819 erhielten die 24.000 in Bessarabien lebenden Bulgaren eine Selbstverwaltung und den Kolonistenstatus, der mit Privilegien verbunden war. 1927 lebten zirka 150.000 Bulgaren in Bessarabien.

6 Gagausen = Volksgruppe in Moldawien; als Vorfahren der Gagausen gelten z.T. die Turkölker der Petschenegen, Uzen, Torken und Polovcer, z.T. auch die Kumanen.

 

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