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Bessarabien unter russischer Herrschaft

(Teil 2 von 7)

 

Bessarabien im 1. Weltkrieg

Deutsche in der zaristischen Armee
Deutsche in der zaristischen Armee

mit der Kriegserklärung Deutschlands an Russland am 1. August 1914 begann eine noch schwierigere Zeit für Bessarabien und seine ethnischen Minderheiten.

Das Deutsche Reich, das durch das Abweichen

von der Bismarckschen Außenpolitik, seine militärische Absicherung gegen Osten verloren hatte, wurde über Nacht zum Feind des Zarenreiches erklärt. Die einst ins Land gerufenen deutschen Kolonisten, die 100 Jahre lang treue Untertanen des russischen Zaren waren und seit der Aufhebung der Befreiung vom Militärdienst 18741 auf russischer Seite in den Krieg zogen (mehr als 100.000 Deutschstämmige dienten loyal in der Zaristischen Armee), wurden nun als "Eindringlinge", "friedliche Eroberer" und "Landräuber" beschimpft. und von der russischen Regierung der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigt.

Oskar Winkler, Sohn  deutscher Kolonisten aus Sarata
Oskar Winkler,
Sohn deutscher Kolonisten aus Sarata,
in russischer Uniform um 1915
(mit Genehmigung der Fam. Winkler)

Für den militärischen Misserfolg Russlands und die hohen Verluste an der Westfront brauchte wurden die Deutschen verantwortlich gemacht, indem man sie der Spionage für Deutschland bezichtigte und sie als Verräter abstempelte. Der Druck auf die Soldaten sowie auf die Zivilbevölkerung wurde unerträglich. Hass, Neid und Missgunst erreichen ungeahnte Dimensionen. Durch die Hetze kam es vereinzelt zu reaktionären Exzessen, wie Pogrome gegen Deutsche.

 

Ein Erlass vom 18. August 1914 verbot die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit zu sprechen und Briefe in deutscher Sprache zu schreiben. Zuwiderhandlungen bestrafte die Polizei mit bis zu 3.000 Rubeln Geldstrafe und dreimonatiger Gefängnishaft.

....Wer sich der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit bediente, musste immer eine Strafe befürchten. - Als ich einmal auf dem Kasernenhof meinen Freund Graumann auf Deutsch fragte, wann er in Urlaub fahre, da war es um uns beide schon geschehen. Ein Offizier einer anderen Kompanie hörte beim Vorübergehen unsere Unterhaltung, hielt kurzerhand an, gab einem jeden von uns eine herbe Ohrfeige und ging fluchend weiter. Es blieb uns Entrechtenden nichts anderes übrig, als die Schläge zähneknirschend einzustecken......

Karl Ziegler: Chronik der Gemeinde Gnadenfeld (Bessarabien), 1963, S. 113;

 

Typisches Bethaus mit Glockenturm
Typisches Bethaus mit Glockenturm

Ab November 1914 waren in den lutherischen Kirchen Gottesdienste in deutscher Sprache untersagt. Von nun an durften keine deutschen Predigten mehr gehalten werden, so dass man sich auf Gesang, Gebet und Vorlesen eines Kapitels aus der Bibel beschränken musste.

 

Ab Februar 1915 waren jegliche „Ansammlungen von mehr als zwei deutschen Männern, auch wenn sie russische Untertanen waren, sowohl in ihren Häusern als auch außerhalb“ untersagt.

Sogar die Toten mussten mit Hilfe der russischen Nachbarn zu Grabe getragen werden, weil die russischen Beamten selbst aus diesem Anlass nicht erlaubten, dass sich mehr als zwei deutsche Männer nebeneinander befanden.

Am 14. Juli 1915 wurden in ganz Bessarabien die deutschen Schulen geschlossen und auch die deutschen Zeitungen Bücher und Bekanntmachungen in deutscher Sprache verboten.

 

ein deutsches Dorf in Bessarabien
ein deutsches Dorf in Bessarabien

Durch die Liquidationsgesetze vom 2. Februar 1915, ausgedehnt auf Bessarabien am 13. Dezember 1915, sollten allen österreichischen, ungarischen, türkischen und deutschen Staatsangehörigen sowie russischen Untertanen, die aus Österreich, Ungarn und Deutschland stammten, Grundbesitz und Bodennutzung untersagt werden.
Diese Verordnungen betrafen Grundbesitz und gepachtete Ländereien innerhalb eines Gebietsstreifen von 150 km entlang der Westgrenze zu Deutschland und Österreich-Ungarn und 100 km entlang der Ostsee, des Schwarzen-, des Asowschen- und des Kaspischen Meeres.

Die Betroffenen (Juden inbegriffen), die in einem 150 km breiten Grenzstreifen entlang der Westgrenze Russlands lebten, sollten enteignet werden. Es sollte aber noch schlimmer kommen, denn wie die 250.000 Deutschen in Wolhynien2, sollten auch die Bessarabiendeutschen nach Sibirien zwangsumgesiedelt (deportiert) werden.

 

Die antideutsche Politik führte vom 27. bis 29. Mai 1915 zu einem Pogrom gegen die als potenzielle „Ungeheur, Schmarotzer und Spione“ abgestempelte deutsche Bevölkerung Moskaus, das auch in anderen russischen Städten, wie Petrograd, Astrachan, Odessa, Charkow und Nowgorod große Resonanz fand.

28. Mai 1915: Die Demonstration auf der Twerskaja-Straße in Moskau, verwandelte sich in ein Massaker
28. Mai 1915: Die Demonstration auf der Twerskaja-Straße in Moskau, verwandelte sich in ein Massaker

 

„Im zweiten Sommer des Großen europäischen Krieges, Ende Mai 1915, kam es in der alten Hauptstadt des ehemaligen russischen Staates, in Moskau, zu einem grandiosen Pogrom. Man schlug die Deutschen …. man hätte zweitausend Deutschen die Kehle durchgeschnitten...“

Victor Dönninghaus: Die Deutschen in der Moskauer Gesellschaft, Symbiose und Konflikte (1494-1941), Oldenbourg Verlag, München, 2002, S. 373;
 
Mai 1915: Reste eines Ladens nach dem antideutschen Pogrom
Mai 1915: Reste eines Ladens nach dem antideutschen Pogrom

475  unterschiedliche Betriebe und 217  Häuser und Wohnungen wurden vollständig oder teilweise zerstört. Der Schaden wurde auf eine Summe von ca. 30 Millionen Rubeln beziffert. Pogrome dieses Ausmaßes wurden von den Behörden später nicht mehr geduldet, aber die Verordnungen über die Liquidierung deutschen Grundbesitzes und deutscher Bodennutzung wurden Schritt für Schritt auf andere Gouvernements ausgeweitet und hatten im Februar 1917 das gesamte Territorium Russlands erfasst. Nur der Sturz der Selbstherrschaft verhinderte deren vollständige Umsetzung.

 

Die nächsten Jahre waren von den Ereignissen und Folgen des Krieges geprägt. Den Bauern wurden ihre kostbaren Pferde requiriert und die Feldarbeit beschränkte sich, unter primitiven Bedingungen, auf das nötigste.

Im März 1916 wurde mit Genehmigung Nikolaus II. das Sonderkomitee zur Bekämpfung der deutschen Vorherrschaft gebildet.

Februarrevolution 1917
Februarrevolution 1917

Die antideutschen Vorbehalte schlugen hohe Wogen, obwohl insgesamt ca. 250.000 Deutsche an der Kaukasusfront in der zaristischen Armee kämpften.

Die Deportation der Bessarabien-deutschen wurde für den Beginn des Jahres 1917 festgelegt. Besitzurkunden wurden eingezogen und im Grunde standen die Menschen genau so da, wie sie vor gut einem Jahrhundert in diesem Land, das ihnen inzwischen zur Heimat geworden ist, angekommen aren: mit nichts!

Sarata nach einem Schneesturm
Sarata nach einem Schneesturm

Eines Tages fuhren in den Bahnhöfen unzählige Waggons ein, die für den Tag der Zwangsausweisung dort deponiert wurden. Doch dann geschag ein Wunder. Um Mitternacht des 24. auf den 25. Dezember 1916 fing es an zu schneien. Es schneite stunden-, tage-, wochenlang! Man konnte gar nicht so schnell schaufeln, wie der Schnee alles wieder zugedeckt hatte. Es gab kein Weg mehr und vor allem keine Eisenbahnlinie mehr! Die Dörfer hatten keine Verbindung mehr untereinander und vor allem, es konnte keiner mehr deportiert werden. Die dicke Schneedecke wankte und weichte nicht und hält sich bis Ende Februar 1917.

Winterlandschft
Winterlandschft

Die Nachricht von der russischen Febuarrevolution traf mit der Schneeschmelze ein. Banges Abwarten - denn noch standen die Waggons auf den Bahnhöfen wie drohende Ungeheuer, wie Symbole des Unheils. Nach einiger Zeit sprach keiner mehr über eine Deportation und in den Waggons fanden im Laufe des Jahres viele, von der sich auflösenden westlichen Front heimkehrende russische Soldaten Unterschlupf. Aber auch marodierende Banden, die das Land unsicher machten, hatten hier einen idealen Ausgangspunkt.

 

Nikolaus II.
Nikolaus II.

Unter dem Druck der Februarrevolution musste Nikolaus II. am 15. März 1917 abdanken, was dem Zarenreich ein Ende setzte.

Die neugebildete Provisorische Regierung wurde in ganz Südrussland mit Jubel begrüßt, denn nun schien das Ende der Willkürherrschaft gekommen zu sein.

Schon am 11. März 1917 wurden die Liquidationsgesetze3 mit der Begründung zur Verstärkung der Tätigkeit von Ernte und Aussaat suspendiert. Die Deportationsverfügungen wurden aufgehoben und die Freiheit und die Gleichheit aller Nationen und Religionen garantiert. Zu den neuen Freiheiten gehörten auch das Rede- und Versammlungsrecht, die Vereins- und Pressefreiheit sowie das Wahlrecht für Männer und Frauen ab 20 Jahren. Am 14. Mai 1917 wurden auch wieder die deutschen Schulen eröffnet.

 

Schon am 18. Februar 1917 versammelten sich etwa 30 deutsche Kolonisten in Odessa, um eine Organisation aller Deutschen Russlands zu gründen.

Odessa um 1850
Odessa um 1850

 

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1 Nach der Einführung allgemeinen Wehrpflicht mussten vom 1. Januar 1874 an auch Deutsche zum Militärdienst einrücken. Je nach Waffengattung dauerte der Wehrdienst vier bis fünf Jahre, manchmal noch länger. Klöstitz wurde zum Musterungsort der Bessarabiendeutschen. Alljährlich fanden Musterungen statt. Der russische Staat benötigte allerdings nicht alle wehrpflichtigen Rekruten. Es gab daher Befreiungen verschiedener Art. so waren einzige Söhne vom Wehrdienst freigestellt und Söhne, deren Väter alt, krank oder arbeitsunfähig waren. Auch diejenigen, deren nachfolgende Brüder das 18. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, brauchten nicht einzurücken. Alle Rekruten, die diese Vergünstigungen beanspruchen konnten, konnten wieder nach Hause fahren, für die anderen begann die 'Losung'. Jeder musste aus einer Trommel ein Los ziehen. Am Schluss wurden alle von der Losnummer eins an in aufsteigender Reihenfolge für den Militärdienst bestimmt, bis die vorgeschriebene Zahl der erforderlichen Rekruten erreicht war. Die anderen, die eine höhere Losnummer gezogen hatten, galten als freigelost und brauchten nicht zu dienen.

2 Wolhynien, historische Landschaft im Nordwesten der Ukraine, zwischen dem Westlichen Bug (im Westen) und dem Tal des Dnjepr (im Osten), dem Prypjat in Polesien (im Norden) und Podolien im Süden, war im 9./10. Jahrhundert ein Teil des Kiewer Reiches, im 11./12. Jahrhundert ein unabhängiges Herzogtum und wurde 1188 mit Galizien vereinigt. Im 14. Jahrhundert kam Wolhynien an Litauen, 1569 durch die Lubliner Union an Polen, ab 1793 beziehungsweise 1795 kam Wolhynien zu Russland. Im 19. Jahrhundert wurden in Wolhynien Deutsche und Tschechen angesiedelt.
1915 wurden rund 200.000 Wolhyniendeutsche nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Etwa 100.000 Überlebende kehrten nach dem Krieg in ihre Heimat zurück.
Der Westteil Wolhyniens kam 1921 an Polen. Während der deutschen Besetzung 1941-44 wurde die jüdische Bevölkerung Wolhyniens ausgerottet und die Wolhyniendeutschen zum Teil nach Deutschland, zum Teil in das Gebiet um Posen zwangsumgesiedelt. 1943-44 kam es zwischen Ukrainern und Polen zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, wobei es auf beiden Seiten zu tausenden von Opfern kam. 1947 wurden ca. 200.000 Wolhynientschechen in die Tschechoslowakei umgesiedelt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fiel das gesamte Wolhynien an die Sowjetunion. Seit 1992 gehört Wolhynien zum größten Teil zur Ukraine.

3 Mit den Liquidationsgesetze vom 2. Februar und 13. Dezember 1915 sollten alle Untertanen österreichischer, ungarischer und deutscher Herkunft in einem Gebietsstreifen von 150 km entlang der Westgrenze und 100 km entlang der Ostsee, des Schwarzen-, des Asowschen- und des Kaspischen Meeres liquidiert werden, d.h. dass alle (ausgenommen waren Personen orthodoxen Glaubens oder slawischer Nationalität sowie Personen und deren Angehörige, die als Offiziere oder Freiwillige in der Armee dienten) nach Sibirien verpflanzt (deportiert) und ihr Besitz unentgeltlich abgenommen werden sollte.

 

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