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Ostermontag

(Teil 2 von 2)

 

Eierlesen
Eierlesen

Nach dem Ostersonntag mit Kirchgang in Ruhe und Besinnlichkeit gehörte der Ostermontag ganz der erwachsenen Jugend. Als alter Volksbrauch, der von den Kolonisten aus Süddeutschland nach Bessarabien gebracht wurde, hatte sich das Eierlesespiel1, mit Unterbrechungen2 bis zur Umsiedlung erhalten, während es in der Urheimat verloren gegangen ist. Im Laufe der Zeit hatte das Eierlesen, ein Wettlauf, bei dem die ganze Gemeinde mitmachte kleine Abwandlungen erfahren und wurde deshalb von Dorf zu Dorf verschieden ausgetragen.

Vor dem 1. Weltkrieg wurde das Eierlesen von den Kameradschaften durchgeführt, wobei es dem Rekrutenjahrgang vorbehalten war, es zu gestalten. Später wurde es von der in Jugendgruppen organisierten Jugend vorbereitet.

Die Vorbereitungen begannen schon Wochen vor Ostern mit dem Sammeln der Eier, von denen die Mädchen des Jugendvereins eine ganz bestimmte Anzahl kochten und rot oder bunt färbten. Außerdem mussten bunte Bänder und eine blaugelbe Fahne mit dem Bild des Herrschers an einer hohen Stange angebracht werden, das die Burschen des Jugendvereins besorgten.

beim Eierlesen in Sarata
beim Eierlesen in Sarata

Die Burschen wählten einen Spielleiter und teilten sich in Gruppen auf. Jede der Gruppen wählte einen schnellen und gewandten 'Läufer' aus ihrer Mitte. Voraus der Spielleiter mit der Fahne, gefolgt von den 'Läufern' in weißen Hemden und schwarzen Hosen mit bunt geschmückten Bändern und den 'Schürzenmädchen', marschierte die Jugend am Nachmittag des Ostermontags unter dem Klang der Ziehharmonika, Trommeln und Triangeln auf die ausgesuchte Wiese, nicht weit vom Dorf entfernt. Dort angelangt, wurde die Fahne in die Erde gerammt, darum herum ein sichtbar gekennzeichneter Kreis von ca. 10-15 m, der Spielraum der Schürzenmädchen und der Ausgangspunkt der 'Läufer' und zugleich die Tanzfläche.

Jetzt wurden die Eier in Sarata und Gnadental in vier Himmelsrichtungen und in Gnadenfeld zu beiden Seiten der Fahne in Abständen von ca. 1 m auf der Erde ausgelegt. Auf diese Weise entstanden vier bzw. zwei Eierreihen, die alle vom gleichen Punkt ausgingen. Jede Reihe bestand in Sarata und Gnadental aus 50 und in Gnadenfeld aus 150 Eiern. In Sarata und Gnadental war jedes zehnte und in Gnadenfeld jedes elfte Ei ein gekochtes rotes Ei.

 

Die Spielregeln in Sarata:

Bei ertönender Hüpfpolka nahm der Läufer das erste Ei auf und im Hüpfschritt ging es bis zum fünfzigsten Ei, das gekocht und gefärbt war und bis zum Schluss liegenbleiben musste. Nun umhüpfte der Läufer es im Bogen und kehrte auf der anderen Seite der ausgelegten Eierreihe wiederum im Hüpfschritt bis zu seiner Partnerin, dem 'Schürzenmädel', zurück, die ihre Schürze zum Auffangen des Eis bereit hielt, dass der Läufer es in vollem Lauf hineinwerfen konnte. Dabei ging es nicht um Schnelligkeit, sondern um Formschönheit des Hüpfschritts, um die Art, wie der 'Läufer' mit seinem 'Ei' spielte, d.h. wie er es hochwarf und im Lauf wieder auffing. Das alles wiederholte sich, bis der Läufer zum zehnten, dem ersten Ei kam.

Tanz der Sarataer Jugend um die Fahnenstange
Tanz der Sarataer Jugend um die Fahnenstange

Danach setzte Tanzmusik ein und die Läufer tanzten mit ihrem Schürzenmädel eine Runde um die Fahnenstange. So ging es weiter bis das fünfzigste Ei übrigblieb. Die Läufer versammelten sich an der Fahnenstange. Auf Pfiff ging es im Laufschritt, so schnell jeder konnte, um das fünfzigste Ei einzuholen. Wer es als erster über die Fahnenstange warf, war nicht nur der Sieger des Tages, sondern zugleich der Sieger des Jahres, der 'Schnellste' des Jahres.

Die Spielregeln in Gnadental:

Eierlesen in Tarutino 1939
Eierlesen in Tarutino 1939

Nach dem Auslegen der Eier stellten sich vier vom Jugendverein ausgewählte Mädchen mit bunt geschmückten, ausgebreiteten Schürzen an der Fahne auf. Jetzt konnte das Spiel beginnen. Während die Musik spielte, tanzten die vier Läufer mit den vier Schürzenmädchen solange um die Fahne bis ein Schuss des Spielleiters ertönte. Blitzartig verwandelte sich der Tanz zum Wettlauf und jeder Läufer rannte so schnell er konnte seine Eierreihe entlang, nahm zwei Eier auf, lief zurück zur Fahne und warf seinem Mädchen ein Ei in die Schürze, lief wieder die Reihe entlang, nahm diesmal nur ein Ei auf, rannte zurück zur Fahne und warf seinem Mädchen wieder ein Ei in die Schürze. So rannten die Läufer immer hin und her, nahmen jedes Mal ein Ei auf und warfen es jedes Mal dem Mädchen in die Schürze. Ein Ei behielt der Läufer somit während des Rennens immer in der Hand und die Mädchen legten die Eier in einem Korb neben sich ab.

Wer von den vier Läufern zuerst mit dem fünfzigsten Ei zurückkehrte, warf es als Zeichen des Sieges hoch über die Fahne. Der Sieger wurde von seiner Gruppe umringt, bejubelt und gefeiert. Als weitere Anerkennung erhielt der Sieger von seinem Schürzenmädchen noch einen dicken Kuss.

Die Spielregeln in Gnadenfeld:

Eierlesen in Kurudschika 1938
Eierlesen in Kurudschika 1938

Jedes elfte Ei war ein gefärbtes und wurde in die Luft geworfen. Nach jedem elften Ei erfolgte eine kurze Pause, die zum Tanzen ausgenutzt wurde. Die an der Spitze gelegenen Eier, die am weitesten von der Fahne entfernt waren, wurden zuletzt eingeholt. Ein Schuss oder ein anderes Zeichen waren das Signal zum letzten Entscheidungslauf. Wer von den beiden Jungen das letzte Ei zuerst in die Höhe warf, war der Sieger. Gewöhnlich landeten diese Eier in den Reihen der Zuschauer, die versuchten geschickt auszuweichen. Wer nicht aufpasste, bekam eins auf den Kopf und wurde ausgelacht.

Feier

 

Nach dem Spiel ging es wieder in voller Ordnung zurück ins Dorf. Im Vereinslokal oder auch in einem anderen Raum wurde die Feier bei einem guten Imbiss aus Eiern, Musik, Tanz und Wein fortgesetzt, was häufig bis tief in die Nacht dauerte.

 

 

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1 Das Eierlesen, ein uralter Frühlingsbrauch aus dem 12./13. Jahrhundert, versinnbildlicht das Erwachen der Natur, den Sieg des lebensfreudigen Frühlings über den müden Winter, die österliche Auferstehung. Darum steht das Ei, das Symbol der Fruchtbarkeit, im Mittelpunkt des Anlasses.

2 In Arzis wurde das Eierlesen von Pastor Friedrich Gottfried Waldemar Croon 1843 verboten. Wegen des strengen Verbots, musste die Jugend ihr Spiel auf die entlegensten Wiesen verlegen und schließlich ganz einstellen. Erst Jahrzehnte später, mancherorts erst nach dem 1. Weltkrieg, wurde die alte Sitte wieder aufgegriffen und bis zur Umsiedlung gepflegt.

Quelle: Karl Ziegler: Chronik der Gemeinde Gnadenfeld (Bessarabien), Buchdruckerei Alfred Kurtzer, 1963; Fiess Christian: Sarata 1822-1940, J.F. Steinkopf Druck + Buch GmbH, Stuttgart, 1979; Arnulf Baumann und Cornelia Schlarb: Jahrbuch der Deutschen aus Bessarabien, Heimatkalender 2006 und 2007; Ute Schmidt: Bessarabien - Deutsche Kolonisten am Schwarzen Meer; Deutsches Kulturforum östliches Europa e. V., Potsdam, Dezember 2007;

 

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