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Das neue Kirchengesangbuch

(Teil 2 von 2)

 

Gesangbuch der evangelischen Kirche in Württemberg

das 1791 von der evangelisch-württembergischen Landeskirche1, nach rationalistischem Zeitgeist2, neu eingeführte Kirchengesangbuch, spitzte die schon bestehende Krise in Württemberg noch weiter zu. Im Jahr 1800 kam es zu schweren Unruhen, so dass Polizei und sogar Militär eingreifen mussten.

Das neue Kirchengesangbuch nahm anstelle einer großen Anzahl der gewohnten, sprachlich kräftigen Kirchenlieder, die in Kirche, Schule und Haus gesungen wurden und zu Volksliedern geworden waren, 115 neue Lieder auf. Nur 29 Luther-Lieder blieben unverändert erhalten, was als ein einschneidender Bruch mit alten Frömmigkeitsformen empfunden wurde.

Die neue Liturgie

Ausschnitt aus dem Konfessionsgemälde von Bad Windsheim: Taufhandlung
Taufhandlung

Die 1809 neu eingeführte Liturgie, insbesondere die Taufliturgie stieß in vielen Gemeinden auf großen Widerstand.

Das Weglassen der “Abrenuntiation“ stand in gewaltigem Widerspruch zur drastischen Ausdrucksweise der alten Form.

Statt der Frage: „Widersprichst du dem Teufel und allen seinen Werken und Wesen?“ hieß es nun: „Entsagen Sie allem Unglauben, oder Aberglauben, allen sündlichen Gesinnungen, Neigungen und Werken?

Corrado Giaquinto: Satan erscheint vor Gott
Corrado Giaquinto: Satan erscheint vor Gott

Nach volkstümlicher Auffassung war mit der Weglassung des Teufels, Kraft und Segen der Taufformel aufgehoben und wurde als Zeichen für die Auslieferung an das Böse gedeutet. Der Antichrist konnte nun auch von der Kirche Besitz ergreifen, weil man ihm den Eingang nicht mehr verwehrte.

Viele Eltern weigerten sich daher, ihre Kinder in der „ungläubigen“ Kirche taufen zu lassen und zogen es vor die gesetzlich festgelegte Strafe zu zahlen. Statt dessen führten sie Haustaufen mit der alten Liturgie ein.

Es gab Gläubige, die in Kauf nahmen, für 20 Jahre im Gefängnis auf dem Hohenasperg eingesperrt zu sein, weil sie sich weigerten ihre Glaubensgrundsätze zu ändern.

Festung Hohenasperg, Lithographie von 1820
Festung Hohenasperg, Lithographie von 1820

 

Carl Bantzer: das Abendmahl
Carl Bantzer: das Abendmahl

Außerdem wurde das Abendmahl zum Gedächtnismahl umbewertet und an Sonn- und Feiertagen sollten nur noch Predigt und Katechese, aber keine weiteren kirchlichen Zusammen-künfte (Stunden genannt) gehalten werden.

 

Die Predigten konnten aber das tiefe religiöse Bedürfnis der Gläubigeb (Pietisten) nicht befriedigen. Viele traten aus der Kirche aus (Separatisten). Sie warfen der Kirche vor, sie sei Wegbereiterin des Katholizismus und strebe die Vereinigung der beiden Konfessionen an.

Für die “Separatisten“ war das ein offenens Signal zum endgültigen Bruch mit der Kirche, deren “Abfall“ sie in Zusammenhang mit der politischen Krise brachten.

Eugene Delacroix: Französische Revolution
Eugene Delacroix: Die Freiheit führt das Volk

Nach Meinung dieser Separatisten hatte die Französische Revolution3 und der Materialismus der Zeit die Herrschaft des Antichristen eingeleitet.

Napoleon, der Europa mit seinen Kriegen überzog, galt vielen Separatisten als die Verkörperung des “Antichristen“, über den der endgültige Sieg, wie von der Offenbarung des Wirtschaftswissenschaftler Johann Heinrich Jung-Stilling geweissagt, noch bevorstand.

 

Arche Noah von Charles Viola
Arche Noah von Charles Viola

Nach dieser Schreckens-periode (Wirtschaftskrise, Kriege und Kirchenreformen) erwarteten die chiliastischen Pietisten, wie es der Theologe Johann Albrecht Bengel voraussah, am 18. Juni 1836 die Wiederkunft Christi und den Anbruch seiner tausendjährigen Herrschaft auf Erden am Ende der Weltgeschichte bzw. am Ende allen Unheils, an dem nur die Gerechten teilhaben sollten.

 

Johannesoffenbarung
Die Apokalypse,
die Geheime Offenbarung des Johannes,
beginnt mit der Übergabe der Offenbarung
(Offenb. 1,1)

In Anlehnung an die Offenbarung des Propheten Johannes (Offb 1,1; 20, 1-8)4, letztes prophetisches Buch des Neuen Testaments, suchte man nach einem Bergungsort für die Zeit des Antichristen, wo das neue Volk Gottes bewahrt werden sollte.

 

Ein Beweis dafür, dass dieser Ort nicht in Palästina liegen könnte, ist die Tatsache, dass Jesus bei Vorträgen über die Endzeit seinen Jüngern riet, in die Berge zu fliehen.

Da der Berg Ararat nach der Sintflut der Arche Noah Rettung schenkte, sei der Kaukasus auch der richtige Ort, um sich dem Einfluss des Antichristen zu entziehen und dem Herren, der zur Errichtung seines tausendjährigen Friedensreiches im Jahre 1836 erscheint, zu begegnen.

 

Wegen der Unterdrückung ihres Glaubens und der Unfreiheit fühlten sich viele nicht mehr wohl in der Heimat, in der sie zum Teil wegen der unruhigen Zeiten sowieso bettelarm geworden waren.

 

Johann Albrecht Bengel

Der Theologe Bengel deutete in der Schrift eine Stelle so, dass der Blickpunkt nach Russland als einem Durchgangslager nach dem Heiligen Land gesehen wurde. Das Weltende werde mit Umstürzen, Drangsalen und Kriegen angekündigt und die unruhigen Zeiten schienen den Separatisten Recht zu geben.

Und so verstärkte sich der Glaube, dass das Weltende nahe sei. Sie sahen ihre Rettung darin, beim Weltende dem Heiligen Lande möglichst nahe zu sein und zogen es vor der Einladung Alexanders I. zu folgen und auszuwandern.

mehr ...... Deutsche Siedler in Kaukasien

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1Evangelische Landeskirche in Württemberg = Herzog Ulrich von Württemberg setzte 1534 in seinem Herzogtum Württemberg die Reformation durch. Dies war das Gründungsjahr der Evangelischen Landeskirche. Der Herzog, später der jeweilige König von Württemberg, war damit auch Oberhaupt der Landeskirche als so genannter summus episcopus, d.h. der jeweilige Herrscher vereinigte die weltliche und die kirchliche Macht.
Die Evangelische Landeskirche in Württemberg war damit von Anfang an eine Lutherische Kirche, doch ist die Gottesdienstform der reformierten Tradition verpflichtet, d.h. die Gottesdienstfeier wird schlicht abgehalten (Oberdeutsche Form). Die in lutherischen Gemeinden sonst übliche Form der Lutherischen Messe wird nur selten praktiziert.
Eine Besonderheit der Württembergischen Landeskirche ist die enge Verbindung mit dem Pietismus. Bis 1806 war das Herzogtum Württemberg das größte protestantische Territorium im ansonsten katholischen Südwesten Deutschlands. Erst als dann Württemberg Königreich wurde und von Napoleons Gnaden große katholische Gebiete (Oberschwaben) zugeschlagen bekam, endete diese einheitlich religiöse Struktur.
Deshalb wurde von Seiten der Obrigkeit besonders streng auf die Einhaltung des lutherischen Bekenntnisses geachtet, was oft zu einem gewissen Dogmatismus in der Theologie führte. Als Gegenbewegung etablierte sich der Pietismus, dessen wichtigstes Kennzeichen bis heute die persönliche Frömmigkeit ist.
Das Verhältnis von offizieller Landeskirche und Pietisten war oft schwierig, allerdings gab es auf beiden Seiten immer wieder Menschen, die Verständnis für den jeweils anderen hatten, so dass sich die meisten pietistischen Gruppen innerhalb der Landeskirche entwickelten.Viele Kirchengemeinden im altwürttembergischen Raum haben bis heute eine pietistische Prägung.
Seit dem späten 19. Jahrhundert entstanden auch in bisher römisch-katholischen Gebieten (Süd-)Württembergs evangelische Gemeinden.

2 Der religiöse Rationalismus, eine im Zeitalter der Aufklärung (Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts) aufkommende theologische Richtung der Denkweise, die allein das rationale Denken (Vernunft) als Erkenntnisquelle zulässt. Man kam zur Überzeugung, dass die Struktur der Welt der Vernunft gemäß, das heißt von logischer, gesetzmäßig berechenbarer Beschaffenheit sei. Der Rationalismus hatte, besonders in der Religionswissenschaft und protestantischen Theologie (Überprüfung der Glaubenslehre an den Maßstäben der Vernunft, Umdeutung der Dogmen in Vernunftwahrheiten und der Wunder in natürliche Vorgänge) vom 17. bis zum 19. Jahrhundert tief greifende Wirkungen.

3 Die Französische Revolution kann wie jede andere Revolution auch nicht auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden. Zum ersten Mal wurde in Europa eine Gesellschaftsordnung angestrebt, in der jeder Mensch politisch frei und rechtlich gleich sein sollte (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Alle Vorrechte der Geburt, des Standes, der Religion sollten abgeschafft werden. An die Stelle des absolutistisch, aus Gottes Gnaden regierenden Monarchen sollten die Verfassung, die Menschen- und Bürgerrechte treten.
In der Zeit vor dem Ausbruch der Revolution war Frankreich durch das absolute Königtum der Bourbonen und dem Gegensatz der Stände geprägt. Frankreich war unter Ludwig XIV. die Vormacht Europas.
Besonders benachteiligt waren vor Ausbruch der Revolution der 3. Stand, der 98% (90% Bauern und 8% Bürger) der Gesamtbevölkerung ausmachte, jedoch kein Mitspracherecht hatte und die gesamte Steuerlast trug. Sie mussten an ihre Grundherren Abgaben leisten, der Kirche den Zehent abliefern und dem Staat hohe Steuern zahlen.
Zur Unzufriedenheit des 3.Standes kam auch noch eine wirtschaftliche Krise hinzu. Durch die vielen Kriege, die hohen Ausgaben für ein großes ständiges Heer und die verschwenderische Hofhaltung stieg die Staatsschuld ins Unermessliche und schwächten die Wirtschaftskraft des Landes.
Im Jahre 1786 waren die Staatsausgaben 25% höher als die Einnahmen, ein Staatsbankrott schien unvermeidlich.
Missernten führten zu Hungersnöten und demnach zu einer Lebensmittelknappheit und steigenden Getreidepreisen, so dass sich kaum noch jemand Getreide leisten konnte. Das trieb viele in die Armut. Die Unmut im Land nahm zu und der Ruf nach Reformen war nicht mehr zu überhören.

4 Die Offenbarung des Propheten Johannes (Offb 1,1) ist das letzte und einzige durchgehend prophetische Buch des Neuen Testaments. Das Buch richtet sich in Briefform an sieben im Römischen Reich verfolgte oder stark bedrängte christliche Gemeinden in Kleinasien im östlichen Hinterland von Ephesus, die von der Mission des Paulus von Tarsus theologisch geprägt waren, aber auch an weitere Adressatenkreise. Es will den göttlichen Heilsplan enthüllen und damit die Gemeindemitglieder ermutigen, den römischen Kaiserkult abzulehnen und auf die Wiederkunft Christi als Endrichter zu hoffen.

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