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Das multiethnische Bessarabien

(Teil 3 von 5)

Die planmäßige Ansiedlung der deutschen Kolonisten

Bessarabien in Europa
Bessarabien in Europa

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ach der Eroberung Bessarabiens im Jahr 1812 durch das Russische Reich, litt die Region unter der Bevölkerungsabwanderung ins Osmanische Reich. Die vor allem im endlosen flachen Steppenland, im Budschak, lebenden nomadisierenden muslimischen Viehhirten zogen es vor, in das verbliebene osmanische Gebiet weiterzuziehen.

Zar Alexander I. beschloss nun diese Region mit tüchtigen, zuverlässigen Untertanen neu zu bevölkern.

 

Budschak
Budschak

Nach Erfahrungen mit der Besiedlung von Deutschen im Wolgagebiet seit 1763 und im Schwarzmeergebiet um Odessa seit 1804, sollte nun auch der Budschak in Südbessarabien planmäßig besiedelt werden, um die großen brachliegenden Flächen land-wirtschaftlich zu erschließen.

 

Russische Bauern kamen kaum in Betracht, da sie als Leibeigene ungeeignet schienen, selbständig Höfe zu leiten. Nach Meinung der russischen Regierung waren Bulgaren1 und Deutsche am besten für diesen Zweck geeignet.

Dafür wurden im Budschak drei Siedlungsbereiche geplant: die bulgarischen und gagausischen2 Kolonisten im Westen, die deutschen Kolonisten in der Mitte und die Russen im Osten.

 

Einladungsmanifest
Katharinas Einladungsmanifest

Um Deutsche für die Besiedlung und Kultivierung Bessarabiens zu gewinnen, rief Zar Alexander I. am 29. November 1813 zu einer „freiwilligen Auswanderung nach Rußland“ auf und bestätigte die Versprechungen und Zusagen (Kolonistenstatus) aus den Einladungsmanifesten von Katharina II. aus dem Jahr 1763 und das von Alexander I. aus dem Jahr 1804, u.a.

  • weitgehende Selbstverwaltung,
  • Steuerfreiheit in den Anfangsjahren,
  • Befreiung vom Militärdienst,
  • Glaubensfreiheit,
  • Landzuteilung von 66 ha je Familie.

Wie zuvor schon in Russland (1763, 1804), wanderten nun von 1814 - 1842 insgesamt etwa 9.000 deutsche Auswanderer in Bessarabien ein, die später die Volksgruppe der Bessarabiendeutschen bilden sollten.

Die Ansiedlung von Deutschen bezog sich vor allem auf zwei Gruppen:

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1Bulgaren = einzelne bulgarische Familien kamen schon 1770, 1790 und 1806 als Emigranten in die Gegend von Ismail, in den Budschak nach Südbessarabien, um Schutz vor dem Osmanischen Reich zu finden. 1812, nachdem Bessarabien zum Russischen kam, lebten bulgarische Kolonisten in 60 Dörfern Bessarabiens.
Größere Gruppen wanderten im Rahmen der russischen Ansiedlungen nach der endgültigen russischen Übernahme von 1812 ein. Sie ließen sich westlich von Ismajil bei der Stadt Bolgrad und auf den von den Tataren verlassenen Gebieten im Süden nieder.
1819 erhielten die 24.000 in Bessarabien lebenden Bulgaren eine Selbstverwaltung und den Kolonistenstatus, der mit Privilegien verbunden war. 1927 lebten zirka 150.000 Bulgaren in Bessarabien.

2Gagausen = christliche Volksgruppe im autonomen Gebiet Gagausien in Moldawien, im Südosten von Bessarabien, sowie in Russland, der Ukraine, Rumänien und Bulgarien; als Vorfahren der Gagausen gelten die Turkölker der Petschenegen und der Kyptschaken.

3 Herzogtum Warschau = Als nach der 2. Teilung Polens (1793) Großpolen mit Posen, Gnesen und Kalisch und nach der 3. Teilung (1795) auch noch ein Teil Masowiens mit Warschau, dazu Płock und Białystok an Preußen fiel, siedelte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen seit 1800 in den neuen Provinzen „Südpreußen“ und „Neu-Ostpreußen“, auf staatlichen Ländereien aber teilweise auch auf enteigneten polnischen Gütern, 13.800 Personen an, von denen die meisten aus dem Herzogtum Württemberg stammten.
Hier trafen sie auf niederdeutsche Kolonisten, die schon im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts eingewandert waren. Nach der Niederlage Preußens gegen Frankreich im Jahr 1807 wurden diese Gebiete mit dem Kulmer Land und dem Netzedistrikt zum „Herzogtum Warschau“ vereinigt.
Im neu gegründeten französischen Vasallenstaat lebten zirka 2,6 Mio. Menschen, davon waren 79% Polen, 7% Juden und 6% Deutsche. Die alten Herren waren zurückgekommen und die dort ansässigen deutschen Kolonisten verloren nun wieder Haus und Hof, Ernte und Vieh und alle preußischen Privilegien. Fortan mussten sie sich als Tagelöhner bei polnischen Gutsbesitzern verdingen. Bei den Großgrundbesitzern und dem katholischen Klerus Polens befanden sich die Kolonisten nun in einem „persona non grata Zustand“.
Die hohen Pachtzinsen an polnische Adlige und die Plünderungen der geschlagenen französischen “Grande Armée”, die sich auf dem Rückzug befand, stürzten viele deutsche Kolonisten in große Not. Am schwersten betroffen waren die zuletzt angesiedelten kaum verwurzelten Schwaben, die noch keine stabilen Häuser gebaut und ihre Höfe noch nicht eingerichtet hatten.
Da die Regierung kein Interesse an Abwanderungen hatte, versuchte sie im Allgemeinen trotz allem diese Kolonisten von der Emigration abzuhalten. Ausreisen durfte nur, wer seine Schulden gezahlt hatte und ohne Entschädigung auf eventuelle Gebäude und Land verzichtete; allein das bewegliche Vermögen durfte mitgenommen werden.
Als Russland nach der Niederlage Napoleon Bonapartes im Wiener Kongress (1815) den größten Teil des Herzogtums Warschau („Kongresspolen“) erhielt, schien für diese Menschen die Einladung Alexanders I. aus dem Jahr 1813 ein echtes Geschenk Gottes.

 

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