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Das multiethnische Bessarabien

(Teil 4 von 5)

Die Warschauer Kolonisten

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Budschak
Budschak

iese "Warschauer Kolonisten" aus dem Herzogtum Warschau1 wurden also 1813 von Zar Alexander I. eingeladen, sich in Sübessarabien, im Budschak, nieder-zulassen. Zu ihnen gehörten sowohl Norddeutsche (spöttisch Kaschuben genannt, die nichts mit dem slawischen Stamm der Kaschuben aus dem Danziger Raum gemein hatten) mit plattdeutscher Mundart als auch evangelische Schwaben aus Württemberg und Baden und einige Katholiken mit pfälzischer Mundart, die dort schon vor der Jahrhundertwende eingewandert waren.

Herzogtum Warschau in gelb
Herzogtum Warschau in gelb

 

Zusammen mit den Warschauer Kolonisten emigrierten nach Bessarabien auch Menschen aus angrenzenden Gebieten, z.B. aus Westpreußen, die unter den französischen Kriegsunruhen und unter dem Religionshass der katholischen Polen sehr gelitten hatten. Insgesamt waren es 1.743 Familien, mit wenigen Ausnahmen waren alle Lutheraner.

Die Auswanderung geschah aber

unter sehr dürftigen Umständen; bei Vielen auf Vorspannfuhren, bei manchen Familien mit einem Handkarren oder mit dem Stab in der Hand.

Wilhelm Kludt: Die deutschen Kolonisten in Bessarabien in ihrem sittlichen und religiösen Zustande bis zum Jahre 1861, L. Nitzsche in Odessa, 1900, S.4

 

Unter diesen Warschauer Kolonisten waren auch meine Vorfahren:

meine Urururururgroßeltern väterlicherseits:

  • Hans Michael König3 (*29.11.1785 in Bodelshausen, Württemberg; †11.4.1840 in Tarutino) wanderte mit seiner 2. Frau Maria Flaig (*17.10.1796 in Mönchweiler, Württemberg), seiner Tochter aus 1. Ehe Ursula (*um 1808 in Neusulzfeld (heute: Nowosolna, ein Teil des Łódźer Stadtteils Widzew), Herzogtum Warschau3; †in Neu-Elft) und seinem Vater Hans Michael (*11.10.1754; +24.9.1826 in Tarutino) 1814 nach Tarutino in Bessarabien
Fuhrwerk

meine Ururururgroßeltern väterlicherseits:

  • Christian Gottlieb Hiller2, geb. *um 1775 in Ohmden, Württemberg über Zargórze in Westgalizien, das zu Preußen gehörte, wo 1802 sein Sohn Daniel Hiller geboren wurde, 1814 nach Alt-Elft
  • die Familie Daub o Taube wanderte 1814 nach Alt-Elft
  • Reinhard Gottlieb Leitz (*9.2.1770 in Hölzern, Eberstadt) wanderte über Neu Sulzfeld (heute: Nowosolna 1814 nach Alt-Elft in Bessarabien
    Auszug aus dem Familienregister der Familie Leitz
    Reinhard Gottlieb Leitz, posthum g (nach dem Tod des Vaters geboren), geb. 9.2.1770, hat sich nach Polen begeben, ist mit einer Weibsperson von Hochdorf verheiratet
  • Johann Höhn4, geb. 11.8.1809 in Luisenhold bei Plonsk in Polen, emigrierte 1839 mit seiner Frau Christine Schwandt, geb. 1808 in Lysin, nach Plotzk in Bessarabien.
Fuhrwerk

meine Ururururgroßeltern mütterlicherseits:

  • Andreas Joos (*in Loßburg/ Freudenstadt (Wirtemberg) emigrierte mit seinen Eltern über Preußisch-Polen nach Bessarabien
  • Familie Bietz aus Grabów (im Zuge der Zweiten Teilung Polens wurde Grabów zunächst 1793 bis 1807 preußisch, 1807 bis 1815 wieder polnisch und ab 1815 wieder preußisch) südwestlich von Łódź in Preußisch Polen 1814 nach Alt-Posttal
  • Matthäus Stumm5, *7.11.1758 in Auingen (Wirtemberg) wanderte 1814 mit seiner 3. Frau Agathe Maier (*um 1780) und sechs Kindern nach Wittenberg
  • der Witwer Johannes Frey6, Bürger, Flößer und Tageslöhner aus Erzgrube in Württemberg, wanderte 1814 mit seinen Kindern nach Wittenberg
  • Johann Michael Calmbach7 wanderte 1814 mit seiner Frau Anna Frey und seiner Tochter Karoline (*26.11.1811 in Grömbach heute: Łaznowska Wola in Polen) nach Wittenberg
  • Matthias Scheits: Bauernfamilie mit dem Pferdewagen
    Matthias Scheits: Bauernfamilie mit dem Pferdewagen
    Gottlieb Siewert (*1770; †12.8.1820 Neu Elft) wanderte 1814 mit seinen 5 Kindern (Wilhelmina (*1.1.1794 in Preußen), Friedrich (*16.8.1795 in Preußen), Johann (*21.3.1798 in Preußen), August (*16.8.1799 in Boginia/Polen), Ludwig (*31.10.1811 in Polen) und Gottfried nach Alt-Elft
  • Familie Spielhaag (oder Spielhag Spielhack Spielhacke Spieltag Spielhak Spuelhaag) wahrscheinlich über Boginia/Polen 1814 nach Alt-Elft in Bessarabien
  • Familie Jung wanderte 1816 nach Kulm in Bessarabien
  • Johann Adam Hager (*20.11.1769 in Linkenheim, Württemberg) wanderte mit seiner Frau Christina Salomea Diem und drei Kindern (Dorothea Magdelena, *26.9.1797 in Oschenburg; Magdelena, Margaretha, *17.9.1809 in Erdmannsweiler (Kochanòw in der Gemeinde Głuchów, Powiat Skierniewce im heutigen Polen); Barbara, *1812 in Neusulzfeld, heute: Nowosolna) über Erdmannsweiler (heute: Kochanów) und Neusulzfeld 1814 nach Alt-Elft
  • Familie Klaudt wanderte 1814 nach Paris in Bessarabien
  • Familie Peter Kühn oder Kuhn, geb. 1765 in Walleringen, Lothringen wanderte 1814 nach Paris in Bessarabien
  • Michael Jahns (*1780) mit seiner Familie 1814 nach Paris
  • Familie Jassmann über Bogonia und Brzeziny in der Woiwodschaft Łódź 1814 nach Paris in Bessarabien
  • Christian Lange, geb. am 11.11.1777 in Alt-Stettin (Pommern) wanderte mit seiner Familie über Königshuld (Poproc Duza) 1814 nach Borodino
  • Andreas Christian Grabau8 (*1766 in Voigtsdorf, Mecklenburg-Vorpommern) wanderte 1814 mit seiner Frau Dorothea Simdorn (* in Brunn, Mecklenburg-Vorpommern) und seinen 4 Kindern (Martin Andrea, geb. 1792; Friedrich Ludwig, geb. 29.10.1794; Magdalena Sophia, geb. 1797; Frederika, geb. 12.10.1810 in Königshuld, im heutigen Paproć Duża, nach Borodino in Bessarabien
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1 Herzogtum Warschau = Als nach der 2. Teilung Polens (1793) Großpolen mit Posen, Gnesen und Kalisch und nach der 3. Teilung (1795) auch noch ein Teil Masowiens mit Warschau, dazu Płock und Białystok an Preußen fiel, siedelte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen seit 1800 in den neuen Provinzen „Südpreußen“ und „Neu-Ostpreußen“, auf staatlichen Ländereien aber teilweise auch auf enteigneten polnischen Gütern, 13.800 Personen an, von denen die meisten aus dem Herzogtum Württemberg stammten.
Hier trafen sie auf niederdeutsche Kolonisten, die schon im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts eingewandert waren. Nach der Niederlage Preußens gegen Frankreich im Jahr 1807 wurden diese Gebiete mit dem Kulmer Land und dem Netzedistrikt zum „Herzogtum Warschau“ vereinigt.
Im neu gegründeten französischen Vasallenstaat lebten zirka 2,6 Mio. Menschen, davon waren 79% Polen, 7% Juden und 6% Deutsche. Die alten Herren waren zurückgekommen und die dort ansässigen deutschen Kolonisten verloren nun wieder Haus und Hof, Ernte und Vieh und alle preußischen Privilegien. Fortan mussten sie sich als Tagelöhner bei polnischen Gutsbesitzern verdingen. Bei den Großgrundbesitzern und dem katholischen Klerus Polens befanden sich die Kolonisten nun in einem „persona non grata Zustand“.
Die hohen Pachtzinsen an polnische Adlige und die Plünderungen der geschlagenen französischen “Grande Armée”, die sich auf dem Rückzug befand, stürzten viele deutsche Kolonisten in große Not. Am schwersten betroffen waren die zuletzt angesiedelten kaum verwurzelten Schwaben, die noch keine stabilen Häuser gebaut und ihre Höfe noch nicht eingerichtet hatten.
Da die Regierung kein Interesse an Abwanderungen hatte, versuchte sie im Allgemeinen trotz allem diese Kolonisten von der Emigration abzuhalten. Ausreisen durfte nur, wer seine Schulden gezahlt hatte und ohne Entschädigung auf eventuelle Gebäude und Land verzichtete; allein das bewegliche Vermögen durfte mitgenommen werden.
Als Russland nach der Niederlage Napoleon Bonapartes im Wiener Kongress (1815) den größten Teil des Herzogtums Warschau („Kongresspolen“) erhielt, schien für diese Menschen die Einladung Alexanders I. aus dem Jahr 1813 ein echtes Geschenk Gottes.

2 Der Familienname Hiller (Hüller) kommt wahrscheinlich aus dem Mittelhochdeutschen und steht für hülle = Mantel oder aus dem Mittelniederdeutschen und steht für hulle = Kopfbedeckung, Kopftuch, Mütze - bzw. Mützenmacher

3Hans Michael König war schon 1801 mit seinen Eltern Hans Michael König (*11.10.1754 in Bodelshausen, Württemberg; †24.9.1826 in Tarutino, Bessarabien) und Walburga Schäfer (*1754 in Bodelshausen, Württemberg) und seinen Geschwistern (Agnes *12.8.1784, Elisabetha *14.10.1787, Anna Maria *25.8.1789, Anna Barbara *13.1.1793, Johann Bernardt *27.10.1794) in das zu Preußen gehörende Südpolen ausgewandert, wo sie am 23.5.1801 mit anderen Familien aus Sulzfeld/Baden östlich von Łódź die Kolonie Neu-Sulzfeld (heute: Nowosolna, ein Teil des Łódźer Stadtteils Widzew) gründeten.

4 Johann(es) Höhn oder Hehn heiratete im Februar 1830 in Lysin Christine Schwandt. Am 20.1.1830, also noch vor seiner Heirat, kam in Preschniza, Polen sein erstes Kind (Elisabeth) zur Welt. Bei der Geburt ihres 2. Kindes (Andreas, geb. 16.2.1833) befand die Familie sich in Plotzk (Bessarabien). Später wanderten sie nach Alt-Arzis weiter, wo 2 Kinder (Johannes od. Johann, geb. am 20. Juli 1836; Michael, geb. am 23. März 1841) zur Welt kamen. Die Familie zog wieder nach Plotzk zurück, wo von 1845-1852 weitere 5 Kinder (Christina, geb. am 9.9.1843; Daniel, geb. am 18.10.1845; Emanuel, geb. am 14.1.1848; Martin, geb. am 11.11.1849; Sophia, geb. 5.8.1852) zur Welt kamen. 1858 befand die Familie sich in Brienne, wo das letzte Kind (Friedrich, geb. am 5.8.1858) zur Welt kam. 1861 zog die Familie, ca. 80 km ostwärts, in die erste Tochterkolonie Bessarabiens Eigenheim, wo Johann Höhn 1889 und seine Frau starben.

5 Matthäus Stumm wanderte 1803 nach dem Tod seiner zweiten Frau Elisabeth Roupin (*11.2.1770 in Auingen) mit seiner dritten Frau Agathe Maier (*16.02.1774 in Tübingen) und sechs Kindern in das 1800 gegründete Effinghausen (heute: Starowa Gora) bei Lodz in Preußisch Polen.
Drei Kinder (Andreas, *21.12.1783; Johann Georg, *2.1.1791; Maria Agnes, *27.8.1793) waren aus der ersten Ehe mit Maria Agnes Haag (* 1762 in Münsingen), zwei Kinder (Jakob, *21.1.1801; Matthäus, *24.10.1802) aus der zweiten Ehe mit Elisabeth Roupin und ein Kind, mein Urururgroßvater Ludwig (*um 1811 in Auingen) aus der dritten ehe mit Agathe Maier.

6 Johannes Frey(*25. April 1760 in Hohenstaufen, Baden-Württemberg, †2. Dezember 1825 in Wittenberg, Bessarabien) zog 1800 mit seiner Frau Agathe Hehr (*21. Februar 1767, Baden-Württemberg, †30. September 1813 in Grömbach (Łaznowska Wola), Rokiciny, Tomaszowski, Łódź, Polen) und zwei Kindern Anna Dorothea (*26. Juli 1792 in Erzgrube, Seewald, Baden-Württemberg, †nach 30. Oktober 1855 in Beresina, Bessarabien) und Johann Michael (*3. März 1799 in Erzgrube, † in Wittenberg) ins damalige Preußisch Polen, wo sie mit anderen 53 schwäbischen Familien aus der Umgebung von Grömbach bei Freudenstadt die gleichnamige Kolonie Grömbach (heute: Łaznowska Wola) gründeten. Hier kamen weitere zwei Kinder auf die Welt: Eva Katharina (*1804 in Grömbach, †15. Januar 1876 in Alt-Posttal, Bessarabien) und Anna Maria (*17. März 1811 in Grömbach, †)
Hier kamen weitere zwei Kinder auf die Welt: Eva Katharina (*1804 in Grömbach, †15. Januar 1876 in Alt-Posttal, Bessarabien) und Anna Maria (*17. März 1811 in Grömbach, †).

7 Johann Michael kommt im Ortssippenbuch Kirchspiel Grömbach in zwei Haushalten vor. Wahrscheinlich kam er nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1798 zu seinem Ziehvater und Onkel Johann Michael (*7.6.1766).
Bei der Auflistung des Besitzes beim Tod des Onkels im Jahr 1815 erbt er nicht. Spätestens 1809 wandert er nach Grömbach (Laznówek, Lodz) in Preußisch Polen, wo er 1810 Anna Frey heiratete, die mit ihrem Vater schon 1800 nach Preußisch Polen auswanderte. Dort hatten sie mit anderen 53 Familien die gleichenamige Kolonie Grömbach (heute: Łaznowska Wola) gegründet.
1814 wanderte die Familie dann weiter nach Bessarabien, wo sie sich Mitbegründer der Mutterkolonie Wittenberg (Malojaroslawetz I., heute Maloyaroslavets' Pershyi) waren.
Der Nachname K(C)almbach ist ein Herkunftsname und deutet wahrscheinlich auf den Ortsnamen Calmbach (heute ein Ortsteil von Bad Wildbad) hin. Bewohner von dort könnten sich in Zumweiler (heute ein Ortsteil von Bad Altensteig), Wörnersberg und Grömbach in Baden-Württemberg niedergelassen haben. Zur Unterscheidung gleicher Vornamen wurde ihnen vielleicht in ihrer neuen Heimat der Herkunftsname (Calmbacher) als Familienname beigegeben.

8 Andreas Christian Grabau war mit seiner Frau Dorothea Simdorn (* in Brunn, Mecklenburg-Vorpommern) und seinen 3 Kindern (Martin Andrea, geb. 1792; Friedrich Ludwig, geb. 29.10.1794; Magdalena Sophia, geb. 1797) schon um die Jahrhundertwende nach Neuostpreußen ausgewandert, das seit der 3. polnischen Teilung (1795) zu Preußen gehörte.
Um das unterbevölkerte Neuostpreußen zu bevölkern und die mit meist schlechten, schwer zugänglichen Böden wie Moore, Brüche und Sandwälder trocken zu legen, warb König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ab 1798 Siedler außerhalb Preußens an.
Unter diesen neuen Siedlern war auch mein Ururururgroßvater, der Häcker Andreas Christian Grabau aus Mecklenburg-Vorpommern, der unter den Mitbegründern einer mecklenburgischen Sprachinsel war. Zur Huldigung des Königs von Preußen nannten sie ihre Kolonie Königshuld das heutige Paproć Duża. Am 12.10.1810 kam in Königshuld seine Tochter Frederika zur Welt.
Die eingewanderten lutherischen Kolonisten waren nicht immer mit ihrer Lage zufrieden. So auch mein Ururururgroßvater, der mit seiner Familie 240 km südwestlicher nach Neusulzfeld (Nowosolna) bei Łódź in Südpreußen zog, um dann 1814 unter der Führung von Bernhard Bohnet nach Borodino in Bessarabien zu wandern. 1833 lebten sie im Haus Nr. 100.

 

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