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Das Leben mit anderen Nationalitäten

(Teil 1 von 4)

aus uralten Handelsverbindungen, der Weiterwanderung von Bevölkerungsteilen aus den Nachbargebieten im Westen und Osten und durch das Hereinholen neuer Bevölkerungsgruppen aus dem näheren und entfernteren Ausland, war nun eine eigentümliche Siedlungsstruktur entstanden. Sie bestand aus ethnisch heterogenen Städten und ethnisch homogene ländliche Siedlungen, die in der Regel Siedlungen verschiedener anderer Nationalitäten in der unmittelbaren Nachbarschaft hatten.

Moldauer in Bessarabien
Moldauer in Bessarabien

Außer bei den Moldauern (Rumänen1) im Norden gab es keine geschlossenen Siedlungs-gebiete, sondern lediglich ethnische Schwerpunkte. So lebten rumänische Moldauer im Norden und Westen, Russen und Ukrainer im Nord- und Südosten, Juden in den Städten des Nordens, Bulgaren2 und Gagausen3 im Südwesten und Deutsche im Süden.

das multiethnische Bessarabien im Jahr 1940

 

Aus dieser Situation ergaben sich vielfältige Verbindungen nach innen und außen: die Moldauer hatten selbstverständlich Kontakte zu ihren Stammes-genossen in der Moldau, dem späteren Rumänien.

Ebenso hatten Russen und Ukrainer im Zarenreich Kontakte zu anderen russischen und ukrainischen Siedlungsgebieten, die außerdem den Vorteil hatten, dass die Staatssprache russisch war.

Bulgaren
Bulgaren

Die bulgarischen und gaugasischen Kolonisten hatten wenig Kontakte zu ihren Herkunftsgebieten im Osmanischen Reich, mit dem sich das Zarenreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast ständig im Kriegszustand befand.

Sie konnten sich aber an schon vor ihrer Einwanderung entstandene Siedlungen von Stammesgenossen anlehnen.

 

Die in Bessarabien angesiedelten Deutschen standen nicht nur mit den Deutschen an der Wolga (Wolgadeutsche), mit denen im Schwarzmeergebiet (Gebiet Odessa) und im Baltikum (Balten-deutsche4) in Verbindung, sondern auch mit ihren ursprünglichen Herkunftsorten in Deutschland, was aber im Laufe des 19. Jahrhunderts stark nachließ.

Wolgadeutsche
Wolgadeutsche

 

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1Rumänien = im Jahr 1859 entstand durch die Vereinigung der Fürstentümer Moldau und Walachei der moderne rumänische Staat.

2 Bulgaren = einzelne bulgarische Familien kamen schon 1770, 1790 und 1806 als Emigranten in die Gegend von Ismail, in den Budschak nach Südbessarabien, um Schutz vor dem Osmanischen Reich zu finden. 1812, nachdem Bessarabien zum Russischen kam, lebten bulgarische Kolonisten in 60 Dörfern Bessarabiens.
Größere Gruppen wanderten im Rahmen der russischen Ansiedlungen nach der endgültigen russischen Übernahme von 1812 ein. Sie ließen sich westlich von Ismajil bei der Stadt Bolgrad und auf den von den Tataren verlassenen Gebieten im Süden nieder.
1819 erhielten die 24.000 in Bessarabien lebenden Bulgaren eine Selbstverwaltung und den Kolonistenstatus, der mit Privilegien verbunden war. 1927 lebten zirka 150.000 Bulgaren in Bessarabien.

3 Gagausen = christliche Volksgruppe im autonomen Gebiet Gagausien in Moldawien, im Südosten von Bessarabien, sowie in Russland, der Ukraine, Rumänien und Bulgarien; als Vorfahren der Gagausen gelten die Turkölker der Petschenegen und der Kyptschaken.

4 Baltendeutsche oder Deutschbalten = im 19. Jahrhundert entstandene Bezeichnung für die deutschen Bewohner der Ostseeprovinzen des Russischen Reiches. Sie bildeten seit der Herrschaft des Deutschen Ordens (13. Jahrhundert) eine schmale Oberschicht. Bis 1918 gehörte der baltische Großgrundbesitz zu einem großen Teil den Deutschbalten, wurde aber durch die Agrarreformen in den unabhängig gewordenen Staaten Estland (1919) und Lettland (1920) enteignet.
Die Umsiedlung von Deutschbalten in das Gebiet des Deutschen Reiches aufgrund der Umsiedlungsverträge vom Oktober 1939 bedeutete praktisch das Ende der deutschbaltischen Volksgruppe.
Zum Jahresende waren bereits mehr als 50.000 Deutsche aus Lettland und 14.000 aus Estland umgesiedelt, die Mehrzahl in die gerade annektierten Gaue Wartheland und nach Danzig-Westpreußen. Die Nachumsiedler, einige tausend 1940, weitere 7.000 aus Estland und 10.000 aus Lettland 1941, wurden in das Altreich umgesiedelt.
Für die in Lettland und Estland verbliebenen Deutschbalten, die von den Behörden enteignet worden waren, wurden 1991/92, nach dem Fall des Kommunismus, Entschädigungsregelungen festgelegt.

 

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