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Das Leben mit anderen Nationalitäten

(Teil 4 von 4)

Moldauer
Moldauer in Bessarabien

durch unterschiedliche Mentalität entstand bei der Landbevölkerung eine soziale Schichtung der Nationalitäten, die mit den Deutschen, ihrer Schulbildung und ihrer Grundeinstellung, zu der das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg selbst-verständlich dazugehörte, begann; gefolgt von den ebenfalls durch Kolonistengeist geprägten Bulgaren1 und Gagausen2, schließlich den Moldauern, die besonders anspruchslos waren und genügsam lebten. Für die Stadtbevölkerung galten allerdings andere Maßstäbe.

 

Krautgarten
Krautgarten

Nach und nach erfolgte eine Spezialisierung der Berufstätigkeit der einzelnen Nationalitäten: Bulgaren waren erfahrene Krautgärtner, Russen waren als Bauhandwerker gefragt, Zigeuner als Kesselflicker und Musikanten, Juden waren in allen denkbaren Handelsberufen tätig, vom wohlhabenden Kaufmann bis zum armen Trödler. Die Deutschen waren anfangs auf Grund der Konditionen der Ansiedlung fast durchweg Bauern.

beim Hühner füttern
beim Hühner füttern auf dem Hof meines Opas Johannes Hiller in Sofiental (Bessarabien)

 

Später differenzierte sich das Berufsbild ein wenig: einzelne stiegen zu Gutsbesitzern auf, andere, insbesondere in den Tochterkolonien, hatten infolge der wegen Regenmangel sporadisch auftretenden Missernten, mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Wagenbauer
Wagenbauer

Es gab mit der Zeit auch immer mehr auf das ländliche Leben bezogene Handwerker – Schmiede, Tischler, Wagen-bauer – und Ansätze zu fabrikmäßiger Produktion von land-wirtschaftlichen Geräten, zu Mühlenbetrieben und zur Tuchfabrikation.

Kulturträger waren in erster Linie die Lehrer und die Pastoren, eine dünne Schicht von Ärzten und anderen Akademikern bildete sich erst nach dem Ersten Weltkrieg heraus.

Staatsbeamte, wie Lehrer, Polizisten und Verwaltungsangehörige anderer Nationalität traten in den deutschen Siedlungen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts und besonders in der rumänischen Zeit von 1918-1940 auf.

Rumänien in der Zwischenkriegszeit

 

Aus diesen und weiteren Faktoren ergab sich in Bessarabien ein einträchtiges Zusammenleben verschiedener Nationalitäten, das erstaunlich, wenn auch nicht immer ganz konfliktfrei verlief.

 

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1 Bulgaren = einzelne bulgarische Familien kamen schon 1770, 1790 und 1806 als Emigranten in die Gegend von Ismail, in den Budschak nach Südbessarabien, um Schutz vor dem Osmanischen Reich zu finden. 1812, nachdem Bessarabien zum Russischen kam, lebten bulgarische Kolonisten in 60 Dörfern Bessarabiens.
Größere Gruppen wanderten im Rahmen der russischen Ansiedlungen nach der endgültigen russischen Übernahme von 1812 ein. Sie ließen sich westlich von Ismajil bei der Stadt Bolgrad und auf den von den Tataren verlassenen Gebieten im Süden nieder.
1819 erhielten die 24.000 in Bessarabien lebenden Bulgaren eine Selbstverwaltung und den Kolonistenstatus, der mit Privilegien verbunden war. 1927 lebten zirka 150.000 Bulgaren in Bessarabien.

2 Gagausen = christliche Volksgruppe im autonomen Gebiet Gagausien in Moldawien, im Südosten von Bessarabien, sowie in Russland, der Ukraine, Rumänien und Bulgarien; als Vorfahren der Gagausen gelten die Turkölker der Petschenegen und der Kyptschaken.

 

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