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Die bessarabischen Juden im Fürstentum Moldau

(Teil 3 von 4)

Târgu Neamț
Târgu Neamț

anfang des 18. Jahrhunderts erreichte die uralte Ritualmordlegende auch das Fürstentum Moldau.

1710 kam es in Târgu Neamț zur Anklage einer rituellen Kindestötung. Auf solche Anschuldigungen folgten oft gewaltsame Unruhen; eine allgemeine Überzeugung, dass Juden solche Rituale praktizierten, war tief in der Bevölkerung verwurzelt.

So wurden 5 Juden gelyncht und 22 mit der Begründung der Tötung eines christlichen Kindes angekettet: "weil sie Blut für Ostern brauchen."

Dies ist der früheste dokumentarische Bericht eines solchen Vorfalles auf moldauischem Boden.

Dimitrie Cantemir
Dimitrie Cantemir

Als die Juden merkten, dass sich die Gewalt gegen sie steigerte, sandten sie Emissäre zum moldauischen Woiwoden1Dimitrie Cantemir in Iași, der zwei vertraute Männer auf den Tatort schickte. „Die Männer kamen, suchten und forschten nach der Lösung und stellten fest, dass alles falsch und unwahr ist“, erinnert ein Dokument der Zeit. Es wurde beschlossen, dass „die Juden frei gelassen werden“, und der Mönch, der die sogenannte rituelle Tötung aufbaute, sollte "für den Rest seines Lebens ins Irrenhaus gesteckt werden."

 

1726 kam es in dem bessarabischen Ort Oniţcani bei Orhei zu einer ähnlichen Anklage . Es wurde berichtet, dass "die treulosen Juden“, wie sie vom Historiker Ion Neculce in seiner moldauischen Chronik „Letopisețul Țării Moldovei“ genannt wurden, am Ostersonntag ein ca. 5-jähriges christliches Kind gestohlen hätten, sein Blut in kleinen Fässern aufgefangen hätten und es an den Großrabbiner in Krakau und an den Rabbiner in Dubăsari schickten.

Mihai Racoviţă
Mihai Racoviţă

Der Prozess gegen die vier jüdischen Angeklagten fand in Iași statt und wurde mit großer Aufregung durch den Woiwoden Mihai Racoviță selbst, durchgeführt, der versuchte die Juden unter Druck zu setzten und "sie ohne Geld zu lassen", schrieb der zeitgenössische Chronist. Schließlich wurden die Angeklagten, nach diplomatischen Protesten, freigesprochen. "Wegen seiner Geldgier" wurde der Woiwode Racovita von den Behörden in Istanbul sofort nach der gerichtlichen Farce "aus dem Amt gehoben".

 

Das Ereignis hatte einen so starken Einfluss auf die Gesellschaft, dass es in nicht weniger als drei moldauischen Chroniken wieder aufgenommen wurde.

Der französische Botschafter Jean-Baptiste Louis Picon äußerte sich der Hohen Pforte2 gegenüber folgendermaßen:

…., dass ein solcher Vorwurf nicht länger in zivilisierten Ländern akzeptiert werden könnte.

aus: “Evreul imaginar“ versus “Evreul real" ("The Imaginary Jew“ Versus “The Real Jew"), in Mythos & Logos, Editura Nemira, Bukarest, 1998, S.175-263;

 

 

Mahmud I.
Mahmud I.

Die deutlichsten Auswirkungen über den Zustand der jüdischen Bewohner im Fürstentum Moldau wurde während der Regierungszeit von Ioan Mavrocordat (1744- 1747) bezeugt:

.... der Mavrocordat berichtete der Hohen Pforte, dass ein jüdischer Bauer angeblich sein Haus zu Vergewaltigungen entführter jüdischer Frauen benutzte; der Fürst ließ den Angeklagten hängen, was den Zorn des Sultans Mahmud I. in der Moldau erregte und den Fürsten absetzte.

aus: Paul Cernovodeanu, "Evreii în epoca fanariotă" ("Jews in the Phanariote Epoch"), in Magazin Istoric, März 1997, S. 27;

 

 

Unter der osmanischen Herrschaft kamen solche Vorfälle immer wieder im Fürstentum Moldau vor.

Zalman Kleinman: beim Matze backen
Zalman Kleinman: beim Matze backen

Bei der Untersuchung dieser Zeit schrieb der rumänische Literaturhistoriker Pompiliu Eliade im Jahre 1898:

„Die Leute beschuldigen die Juden für alle möglichen seltsamen Dinge: Während des Passahfestes und während der christlichen Karwoche halten die Menschen ihre Kinder in den Häusern aus Angst, dass die Juden ihre Kinder stehlen und ihr Blut ablaufen lassen, um es zum Brot backen (Matze3) zu verwenden; und wenn es vorkommt, dass ein Kind verschwindet, verlangt die ganze Gemeinschaft, dass alle Juden gefoltert werden".

 

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1 Woiwode = slawischer Adelstitel, vergleichbar mit dem gleichnamigen germanischen Titel Herzog

2Hohe Pforte = Bezeichnung für den Sitz des Großwesirs beziehungsweise für die Regierung (besonders für das Außenministerium) des Osmanischen Reiches von 1718-1922.

3Matze = (ungesäuertes Brot) ein dünner Brotfladen, der von religiösen und traditionsverbundenen Juden während des Pessachfestes gegessen wird. Hergestellt werden sie aus Wasser und einer der fünf Getreidearten Weizen, Roggen, Gerste, Hafer oder Dinkel ohne Triebmittel.
Matzen werden zur Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten gegessen. Gemäß der Überlieferung in der Torah blieb den Israeliten beim Aufbruch keine Zeit, den Teig für die Brote gehen zu lassen (2. Mose 12,33-34: Die Ägypter drängten das Volk, eiligst das Land zu verlassen, denn sie sagten: Sonst kommen wir noch alle um. 34 Das Volk nahm den Brotteig ungesäuert mit; sie wickelten ihre Backschüsseln in Kleider ein und luden sie sich auf die Schultern.)

 

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