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Die Rechtsstellung der Juden in Bessarabien im Jahr 1818

 

Die Juden unter Alexander I.

Alexander I.
Alexander I.

verordnungen über die Rechtsstellung der Juden in Bessarabien wurden erst im Jahr 1818, also 6 Jahre nach seiner Eingliederung ins Russische Reich, erlassen.

Während die russische Gesellschaft traditions-gemäß in Adel, Kleriker und Leibeigene unterteilt war, wurden die Juden aufgefordert sich in eine der drei Klassen (Kaufleute, Bürger, Bauern) einzutragen.

Anders als in den meisten übrigen Teilen des Russischen Reiches wurden in Bessarabien alle ihre früheren Rechte, als Händler und Kreditvergeber tätig zu sein und in Dörfern und Marktflecken zu leben, bestätigt und das von Alexander I. erlassene “Judenstatut“1 aus dem Jahr 1804 wurde in Bessarabien, solange es seinen autonomen Status hatte, nicht angewendet. Ausdrücklich untersagt war den Juden "über Christen zu herrschen".

Die Juden unter Nikolaus I.

Nikolaus I.
Nikolaus I.

Zar Nikolaus I., der von 1825-1855 regierte, erließ einen Ukas, in dem er den Juden erlaubte sich in “höherer Anzahl“ in Bessarabien niederzulassen und gab ihnen 2 Jahre Steuerfreiheit. Zur gleichen Zeit bekamen die Juden aus Podolien und dem Gouvernement Cherson 5 Jahre Steuerfreiheit, wenn sie den Dnister überschritten, um sich in Bessarabien anzusiedeln.

Das Ergebnis war, dass die Kaufmannstätigkeit nicht mehr ausreichte, um alle Juden zu unterhalten.

 

Die Bezirke in Bessarabien
Die Bezirke in Bessarabien

 

Zwischen 1836 und 1854 wurden auf einer Fläche von 9.305 Desjatinen 17 jüdische Kolonien gegründet.

 

Diese Kolonien befanden sich vor allem in den nördlichen Bezirken Bessarabiens (Hotin, Soroca, Bălţi, Orhei, Chişinău, und Bender) auf Ländereien, die von christlichen oder jüdischen Grundbesitzern gepachtet oder gekauft wurden:

 

 

im Bezirk Hotin in der heutigen Ukraine:

  • Lomacinţa (heute im Sokyriany Rajon in der Ukraine);

im Bezirk Soroca im heutigen Moldawien:

  • Dumbraveni war die erste Siedlung, die 1836 von 24 jüdischen Familien gegründet wurde (heute Teil der Gemeinde Vădeni);
  • Brăciova (Bricevo, heute Briceva, Teil der Gemeinde Târnova im Rayon Donduseni); wurde 1836 von 35 jüdischen Familien gegründet;
  • Mărculeşti (auch: Starăuca/Starovka) wurde 1837 auf 504 Hektar Land gegründet;
  • Vârtojani (für einige Zeit auch: Vertiujeni, Steap) wurde 1838 von 42 jüdischen Familien gegründet;
  • Liublin (später Nemirovka, heute Nimereuca) wurde 1842 auf 528 Hektar Land gegründet;
  • Căpreşti wurde 1851 auf 470 Hektar Land gegründet;
  • Zguriţa (heute Gemeinde im Rayon Drochia) wurde 1853 gegründet und war die letzte gegründete jüdische Siedlung
  • Meremăuca (Maramonovka/Moara Noua);
  • Constantinovca;

im Bezirk Bălţi im heutigen Moldawien:

  • Alexăndreni (heute ein Teil der Gemeinde Alexăndreni im Rayon Sîngerei in Moldawien) wurde 1837 auf 900 Hektar Land gegründet
  • Valea lui Vlad wurde 1836 von 70 Familien auf 346 Hektar Land (heute Teil der Gemeinde Dumbrăviţa im Singerei Bezirk) gegründet

im Bezirk Orhei im heutigen Moldawien:

  • Şibca (heute Şipca)
  • Nicolaevca-Blagodaţi (heute Neculăieuca)
  • Teleneştii Noi (heute ein Stadtteil von Teleneşti)

im Bezirk Chişinău im heutigen Moldawien:

  • Grătieşti und Hulboaca - unter gemeinsame Verwaltung (heute sind beide Siedlungen ein Teil der Gemeinde Grăteşti)

im Bezirk Bender im heutigen Moldawien:

  • Romanăuţi (Romanovca) wurde 1846 von 86 jüdischen Familien gegründet (heute innerhalb der Stadtgrenzen von Basarabeasca)

Während der 1830er und 1840er Jahre begann in Bessarabien auch die Haskalah2.

Ab Ende der 1840er Jahre wurden staatliche jüdische Schulen eröffnet. 1855 gab es sechs solcher Schulen in Beltsy, Khotin, Brichany und Ismajil und zwei in Chișinău mit 188 Schülern; auch private jüdische Schulen wurden eröffnet und ab den 1860er Jahren schickten bessarabische Juden, insbesondere die Wohlhabenden, ihre Kinder in allgemeinbildende Schulen. In den 1870er Jahren 30-40% der Schüler der weiterführenden Schulen waren Juden.

Judenstatut von 1804
Paragraph 25-34 des Judenstatutes von 1804

Eine Volkszählung von 1897 ergab, dass 27,8% der bessarabischen Juden über 10 Russisch lesen konnten.

 

Aufgrund der regionalen Autonomie blieben die bessarabischen Juden von mehreren der schwersten antisemitischen Erlasse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erspart.

1835, als die Auflösung der bessarabischen Autonomie begann, wurde das in Russland verbreitete “Judenstatut1“ aus dem Jahr 1804 auch auf die bessarabischen Juden ausgedehnt, auch wenn das Wohnsitzverbot der Juden in den Grenzregionen bis 1839 und die Wehrpflicht bis 1859 nicht durchgesetzt wurde.

 

Die Juden unter Alexander II.

Alexander II.
Alexander II.

Diese jüdischen Kolonien in Bessarabien waren zur Zeit Alexanders II., der von 1855-1881 regierte, in einem vergleichsweise wohlhabenden Zustand.

1858 lebten in diesen Siedlungen 10.859 Personen; 12,5% der bessarabischen Juden waren Bauern und die Region, die zum größten und wichtigsten Zentrum der jüdischen Landwirtschaft in Russland geworden war, stellte damit im gesamten Zarenreich eine geduldete Ausnahme dar.

Viele dieser jüdischen Dörfer hatten in der Zwischenzeit viel von der Lebensweise und Bräuche der moldauischen Bauernschaft angenommen.

 

1880 waren 106.031 Desjatinen (276.283 ha) in jüdischem Besitz, was 2,5% der gesamten Ackerfläche in Bessarabien entsprach und 206.538 Desjatinen (557.652 ha) waren von Juden gepachtetes Land.

 

Von den frühen 1880er Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der bessarabischen Juden zusehends als Folge der immer häufiger werdenden Vertreibungen aus Dörfern und Grenzgebieten, aber auch durch die weltweite Agrarkrise, die durch den billigen Getreideimport aus Amerika verursacht wurde.

 

Obwohl rechtlich diskriminiert, galten die Juden vielen jedoch als Speerspitze des westlichen Kapitalismus, als Agenten einer Moderne, die den rückständigen Zarenstaat bedrohten. Die Juden zogen den Neid der Armen auf sich, obwohl die meisten Juden genauso arm waren wie ihre christlichen Nachbarn.

Von den frühen 1880er Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der bessarabischen Juden zusehends als Folge der immer häufiger werdenden Vertreibungen aus Dörfern und Grenzgebieten, aber auch wegen der russischen Agrarkrise.

 

 

Friede von Paris 1856
Friede von Paris 1856

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte die Einschränkung der jüdischen Wohnsitze in Grenzgebieten eine besondere Bedeutung für die bessarabischen Juden annehmen, denn gemäß den Bedingungen des Friedensvertrages von Paris (1856) wurde ein Gebiet Südwestbessarabiens (Neubessarabien genannt) wieder dem Fürstentum Moldau zugeteilt und viele Ortschaften, darunter auch Chișinău wurden nun als Grenzregion angesehen.

Die Juden in Neubessarabien teilten nun das Schicksal der anderen Juden im Fürstentum Moldau.

Russland sollte dieses Gebiet 22 Jahre später auf dem Berliner Kongress (1878) wieder zurück erhalten.

 

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1 Judenstatut von 1804 = vorausgesetzt, dass die russische Verfassung den Juden nie wohlgesonnen war, versuchte sie ihre neue dazugewonnene, vorwiegend jüdische Bevölkerung, ein “unerwünschtes“ Erbe des verstorbenen polnischen Staates, in ihr zaristisch-bürgerliches System einzubinden.
Dazu wurde die bis dahin bestehende jüdische Kulturautonomie 1791 von Katharina II.aufgehoben, indem sie den sogenannten Ansiedlungsrayon einrichtete, wo die Juden fortan leben mussten.
Um diese Lage der Juden zu "verbessern", führte Zar Alexander I., der 1801 den Thron bestieg, 1802 das Komitee“ Zur Verbesserung der Juden“ ein. Das Komitee schlug 1804 einige Maßnahmen vor, mit denen die Juden zur Assimilation ermutigt, aber nicht gezwungen werden sollten.
Einerseits brachte das Judenstatut Rechtsgleichheit, Religionsfreiheit, Besuch staatlicher Schulen (erlaubte aber auch den Besuch jüdischer Schulen, solange die Unterrichtssprache Russisch, Polnisch oder Deutsch war), Zugang zu bäuerlichen Berufen, was mit Landerwerb zur Gründung landwirtschaftlicher Siedlungen verbunden war. Dafür erhielten sie Privilegien, wie Freistellung vom Militärdienst, Steuernachlässe und reduzierte Bodenpreise. Außerdem erhielten sie den Zugang zu Handwerk und Unternehmen, womit sich Produktions- und Umerziehungshoffnungen verbanden; andererseits erneuerte das Statut eine Bestimmung, die Städtern seit 1782 verbot, in Dörfern zu wohnen und Spirituosenhandel zu treiben. Diese Bestimmung traf Juden besonders hart, da sie zumeist auf der Basis ihrer städtischen Berufe in die Klassen der Kaufleute oder Stadtbürger eingruppiert waren, obwohl die meisten als Händler, Gastwirte oder Bedienstete auf dem Lande, auf adligen Gütern oder im Schtetl lebten.
Damit sahen sich Tausende von jüdischen Familien ihrer Lebensgrundlage beraubt. Die Ausweisung aus den Dörfern wurde für einige Jahre aufgeschoben, 1822 in den weißrussischen Dörfern jedoch systematisch durchgeführt.

1 Haskalah = (hebräisch für Aufklärung); Bezeichnung der von Berlin zwischen 1770 und 1880 ausgehenden Bewegung der wirtschaftlich, geistig und sozial motivierten jüdischen Emanzipationsbestrebungen der jüdischen Aufklärer. Ihr Hauptvertreter war der bekannte Philosoph Moses Mendelssohn. Grundlegend für die Haskala waren der neue Religionsbegriff der Aufklärung (Vernunftreligion) und das Ideal einer neuen Humanität.Hauptanliegen war die Zuwendung zur nichtjüdischen Umwelt und Wissenschaft und, damit verbunden, der Auszug aus dem (materiellen und geistigen) Getto. In West- und Mitteleuropa führte die Haskala im 19. Jahrhundert zur Assimilierung v. a. des jüdischen Bürgertums, in Osteuropa scheiterte sie weitgehend am Widerstand orthodox-jüdischer Kreise. Pogrome, nationalreligiöse und sozialistische Bestrebungen führten hier zum Zionismus.

 

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