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Die Blutlegende und der Hostienfrevel

Der Stürmer: Ritualmord, 1934
Karikatur der Wochenzeitschrift "Der Stürmer":
Ritualmord, 1934

zu den angeblichen Ritualmorden kam im 13. Jahrhundert die „Blut-legende“ hinzu, nach der die Juden ihren Opfern zur Zubereitung von Matzen1 oder zu medizinischen Zwecken angeblich Blut entziehen würden.

Ein weiterer Vorwurf war der „Hostienfrevel2“, wonach sich Juden aus Kirchen geweihte Hostien beschafft hätten und sie durch Rituale angeblich mit Messern oder ähnlichem durchlöchern würden, um in einem symbolischen Akt Jesus Christus erneut zu töten.

Hostienfrevel von Sternberg 
      1492
Hostienfrevel von Sternberg 1492.
Ein Priester verkauft dem Juden Elihart geweihte Hostien,
die nach Messerstichen zu bluten beginnen.
Darstellung von Diebold Schilling 1513 (Ausschnitt)

Auch Hostienfrevellegenden waren oft Anlass zu Pogromen gegen Juden. So kam es zwischen 1298 und 1348, vor allem in deutschsprachigen Gebieten, zu schweren Verfolgungen. Bei der sogenannten "Rintfleisch-Pogrom3“ wurden von 1298 - 1303 in Franken zirka 5.000 Juden getötet und bei der „Armleder-Verfolgung4“, von 1336-1338, wurden in ganz Süddeutschland, im Elsass, in Böhmen, Mähren und Kärnten ungefähr 6.000 Juden ermordet.

 

Gregor X.
Gregor X.

Das Phänomen geriet außer Kontrolle, so dass sich mehrere Könige und Kaiser (Heinrich IV., Friedrich I. Barabarossa, Heinrich VII., Friedrich II.) und Päpste (Innozenz IV., Gregor X. usw.) gezwungen sahen, einzugreifen.

1247 versuchte Papst Innozenz IV. dem wüsten Treiben Einhalt zu gebieten:

„…. Gewisse Christen, vom Teufel getrieben, suchen die Ursache der von Gott den christlichen Völkern wegen ihrer Sünden auferlegten Pest in Vergiftungen durch die Juden ... Habsucht hat manche Christen veranlasst, aus der Verfolgung der Juden, denen sie viel Geld schulden, Nutzen zu ziehen.....“

Innozenz IV.
Innozenz IV.

Obwohl Papst Innozenz IV. den Wahn der Legenden, wenn auch vergebens, verdammte, verlangte er von Ludwig IX., sonst seinem Gegner, die Vernichtung aller erreichbaren Exemplare des Talmud5.

Diese Verbrennung von 24 Wagenladungen des heiligen Buches sollten zu einem Ereignis von zeichenhafter Bedeutung für das immer weitergehende Auseinanderleben von Juden und Christen werden.

 

Auch Papst Gregor X. erklärte 1272:

"Der Glaube von einigen Christen, dass die Juden heimlich christliche Buben töten, um deren Herz und Blut als Opfer darzubringen, ist völlig falsch" ..... Das Gesetz der Juden verbietet ihnen ausdrücklich, Opfer darzubringen und Blut zu trinken. Sie dürfen ja nicht einmal das Blut von Tieren trinken."

 

Mit dieser rationalen Begründung verbot Gregor X. weitere Ritualmordanklagen. Doch die fanatischen Massen waren nicht mehr zu zügeln. Die Anklagen erfolgten weiterhin, verbreiteten sich europaweit und endeten fast alle mit Massenhinrichtungen oder Massakern.

 

die Pest
die Pest

Als in den Jahren 1348 bis 1353 die Pest in ganz Europa wütete (schätzungsweise starben in ganz Westeuropa 25 Millionen Menschen), wurden die Juden dafür verantwortlich gemacht die Brunnen vergiftet zu haben, weil die Juden in ihren Ghettos6 großteils von Seuchen verschont blieben.

Es kam zu zahllosen Pogromen, bei denen Zehntausende ermordet wurden.

 

Prozesse wegen Ritualmordanklagen, Blutlegenden, Hostienfrevel, Brunnenvergiftung, Vertreibungen (Frankreich 1182 und 1394, England 1290, Spanien 1492, Portugal 1497) und Pogrome kamen bis zum Ende des 15. Jahrhunderts in ganz Westeuropa immer wieder vor.

 

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1 Matze = (ungesäuertes Brot) ein dünner Brotfladen, der von religiösen und traditionsverbundenen Juden während des Pessachfestes gegessen wird. Hergestellt werden sie aus Wasser und einer der fünf Getreidearten Weizen, Roggen, Gerste, Hafer oder Dinkel ohne Triebmittel.
Matzen werden zur Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten gegessen. Gemäß der Überlieferung in der Torah blieb den Israeliten beim Aufbruch keine Zeit, den Teig für die Brote gehen zu lassen (2. Mose 12,33-34: Die Ägypter drängten das Volk, eiligst das Land zu verlassen, denn sie sagten: Sonst kommen wir noch alle um. 34 Das Volk nahm den Brotteig ungesäuert mit; sie wickelten ihre Backschüsseln in Kleider ein und luden sie sich auf die Schultern.)

2 Hostienfrevel = Die Anklage, das Blut getöteter Menschen für rituelle Zwecke zu verwenden, wurde bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert erhoben, und zwar von Römern gegen die Christen.
Daraus entstand später (zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert) die Umkehrung, Juden würden Hostien stehlen und sie durchbohren, was als schweres religiöses Vergehen galt und zu Verfolgungen und Pogromen führte.
Im Mittelalter wurde der konsekrierten Hostie, vor allem nach der römisch-katholischen Dogmatisierung der Transsubstantiationslehre, die sich in den realen Leib Jesu Christi verwandelt, höchste Wunderkraft beigemessen.

3 Rintfleisch-Pogrom = wegen angeblichem Hostienfrevel, oder waren es die hohen Schulden der Christen bei Juden, brach 1298 im fränkischen Röttingen der Rintfleisch-Aufstand aus. Anführer des Pogroms war ein gewisser „Rintfleisch“, der mit den Worten: „er habe vom Himmel eine persönliche Botschaft erhalten und sei zum Vernichter aller Juden ernannt worden“, einen wütenden Mob um sich scharte. In den meisten Quellen, wie in den "Historiae memorabiles", wird Rintfleisch ausschließlich als carnifex bezeichnet. Dies kann "Fleischer, Metzger", aber auch Scharfrichter, Henker bedeuten.
Der durch Franken ziehende „König Rintfleisch“ ermordete mit seiner Gruppe von „Judenschlägern“ in zirka 140 Ortschaften (Rothenburg ob der Tauber, Würzburg, Nördlingen, Bamberg und Nürnberg u.a.) an die 5.000 Juden, nur wer sich taufen ließ, blieb am Leben. Die blühende jüdische Gemeinden wurde ausgerottet.
König Albrecht I. ließ Rintfleisch schließlich festnehmen und aufhängen. Die Städte, in denen Juden getötet worden waren, wurden zu Geldstrafen an den König verurteilt. Die Verfolgungen wurden in den Historiae Memorabiles dokumentiert.

4 Armleder-Pogrom = zwischen 1336 und 1338 kam es zum Armleder-Pogrom, das seinen Ausgang in der Stadt Röttingen nahm und sich über Schwaben bis ins Elsass hinzog. Anführer der Judenverfolgung war Ritter Arnold von Uissigheim (Arnold III. von Uissigheim), der behauptete, dass ihm ein Engel erschienen sei, der ihn beauftragt hätte alle Juden zu töten. Arnold umgab sich mit einer Bande und nannte sich „König Armleder“.
Erkennungszeichen der Armleder-Bande war ein um den Arm gebundenes Stück Leder. Die eigentliche Ursache der Verfolgung lagen in der Verschuldung des Niederadels und der (klein)bäuerlichen Familien bei jüdischen Geldgebern. Ritter Arnold stand in Rothenburg mit anderen Adligen wegen unbezahlter Schulden bei Juden vor Gericht. Im Zuge dieser Verhandlung behauptete der Ritter Arnold, dass Juden den Leib Christi verspotteten. Dies war der Anlass für die Judenverfolgungen.

5 Talmud = das Gesetzbuch des nachchristlichen Judentums; die Grundlage seiner religiösen und bürgerlichen Einrichtungen.

6 Die Bezeichnung Ghetto wurde zum ersten Mal im 16. Jahrhundert verwendet und stammt wahrscheinlich vom venezianischen Gettore ab, die volkstümliche Bezeichnung für den Stadtteil Cannaregio, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich eine Gießerei befand (Dialektbegriff ghèto von getto = Guss). Andere Herleitungen beziehen sich auf das hebräische Wort Get = „abtrennen“.
Bei Sonnenuntergang wurde das Ghetto verschlossen, so dass die jüdischen Bewohner nur tagsüber freien Zugang zu den übrigen Stadtbezirken hatten. Im Ghetto durften keine Christen wohnen, außerhalb des Ghettos keine Juden. Im christlichen Teil durften die Juden keine Läden besitzen. Um einer Überfüllung des Ghettos vorzubeugen, durfte nur das älteste Kind einer jüdischen Familie heiraten.
Das erste Ghetto in Deutschland entstand 1462 in Frankfurt am Main.

 

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