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Die Juden in der Neuzeit

(Teil 1 von 2)

der Zerfall des polnischen Staates und die Teilungen Polens (1772, 1793, 1795) führten zu Beginn des 19. Jahrhunderts dazu, dass von nun an die ursprünglich einheitliche jüdische Bevölkerung Osteuropas in verschiedenen politischen Einflussgebieten lebte und sich auch verschieden entwickelte.

die polnische Teilung in den Jahren 1772, 
      1793 und 1795
die polnische Teilung in den Jahren 1772, 1793 und 1795

 

Ein Teil der jüdischen Bevölkerung war durch die Teilungen zu Bürgern des Habsburgerreichs bzw. Preußens geworden. Doch der weitaus größere Teil lebte nun im zaristischen Russland, wo die Ansiedlung seit 1791 nicht nur auf den so genannten Ansiedlungsrayon1 beschränkt war, sondern wo die Juden auch politisch nahezu rechtlos waren.

die jüdische Bevölkerung im 
      russischen Ansiedlungsrayon und in Kongress-Polen um 1905
die jüdische Bevölkerung im russischen Ansiedlungsrayon und in Kongress-Polen um 1905

 

Opfer eines Pogroms in Russland (1905)
Opfer eines Pogroms in Russland (1905)

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erfasste der moderne Antisemitismus fast alle Staaten Europas. Die Lage der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa verschlechterte sich rapide. In Russland kam es zu zahlreichen Pogromen, die ihren Höhepunkt gegen Ende des Jahrhunderts erreichten und bis zur Russischen Revolution 1917 immer wieder aufflammten (Kischinewer Pogrom).

jüdische Auswanderer nach Amerika
jüdische Auswanderer nach Amerika

Zwischen 1890 und dem Ende des 1. Weltkriegs emigrierten als Folge der Pogrome rund zwei Millionen Juden aus Russland in die Vereinigten Staaten. Lebten zur Zeit des nord-amerikanischen Unabhängig-keitskriegs um 1780 schätzungsweise 2.000 Juden in den USA, so war ihre Zahl um 1880 schon auf annähernd 250.000 angestiegen. Während der nächsten 40 Jahre reisten nochmals drei Millionen Juden ein, vor allem aus Osteuropa. Der große Strom versiegte erst 1924 mit der Einführung von Einwanderungsbeschränkungen.

 

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1 Der Ansiedlungsrayon (russ. Tscherta osedlosti/Черта оседлости; engl. Pale of Settlement oder auch nur The Pale) war ein zwischen 1791 und dem Ende des 19. Jahrhunderts (formal bis 1917) bestehendes Gebiet im Westen des Russischen Reiches und entsprach den historischen Grenzen Polen-Litauens, einem großen Teil des heutigen Litauen, Weißrussland, Polen, Bessarabien und der Ukraine, auf das das Wohn- und Arbeitsrecht der jüdischen Bevölkerung in Russland beschränkt war.
1772, mit der ersten Teilung Polens kamen die Weiten Weißrusslands, wo Zehntausende von Juden lebten, unter russische Herrschaft. Wie schon unter Elisabeth I. stellte sich nun die Frage, was nun mit den dort lebenden Juden?
Am 11. August 1772 bestätigte die aufklärerische Katharina II. den "Juden mit Wohnsitz in den Städten und Gebieten, die jetzt zum Russischen Reich gehörten, Religionsfreiheit". Damit setzte Katharina die Juden anderen Bevölkerungsgruppen gleich und gewährte auch keine Sonderprivilegien. Außerdem belegte sie die Anhänger des Judentums mit Steuern. Bei Übertritt zum orthodoxen Glauben sollten ihnen die Steuern erlassen werden.
1780 wurden die Juden in den Kaufmannsstand aufgenommen und 1783 wurden alle die in zugelassenen Gemeinden wohnenden Juden in den Bürgerstand gehoben, was eine Erlaubnis, in der kommunalen Führung tätig zu sein, nachzog. Die jüdischen Gemeinden waren verpflichtet Steuern zu zahlen und die Verantwortlichen mussten die Richtlinien des Staates im jüdischen Gebiet gewährleisten.
1791, als immer mehr Juden im russischen Leben integriert waren, wurde den Juden der kaufmännische Stand im Innern Russlands verboten, was eine Verbannung in den an der Westgrenze des Russischen Reiches gelegenen Ansiedlungsrayon zur Folge hatte. Die Juden als Konkurrenten der russischen Kaufleute wurden fortan von Moskau fern gehalten.
Mit den weiteren Teilungen Polens in den Jahren 1793 und 1795, was zirka 900.000 Juden bedeutete, wurden die gleichen Gesetze und Verordnungen in den neuen Gebieten angewendet, d.h die Juden wurden gezwungen sich im Ansiedlungsrayon niederzulassen, allerdings nur in Städten und in größeren Dörfern.
1794 wurde der Bereich des jüdischen Ansiedlungsrayons auf drei Provinzen der Ukraine, östlich des Dnjeprs, erweitert.
Mit dem Ukas vom 4. Juli 1794, indem Katharina verordnete, dass Juden doppelte Abgaben zu zahlen hatten als Christen, sollte die russische Politik gegenüber Juden eine bedrohliche Richtung einnehmen.

 

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