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Die bessarabischen Zigeuner (Roma1)

(Teil 1 von 4)

die Lage Bessarabiens in Europa
die Lage Bessarabiens in Europa

als das Osmanische Reich 1812 nach dem 8. Russisch-türkischen Krieg den östlichen Teil des Fürstentums Moldau, später Bessarabien genannt, an das Russische Zarenreich abtreten musste, lebten auf diesem Gebiet schon Zigeuner. Wer sind diese Zigeuner2? Woher kommen sie?

 

Unter den Zigeunern versteht man eine ethnische aus dem indischen Subkontinent stammende Bevölkerungsgruppe. Sie selbst nennen sich Roma (Singular: Rom), was in Romani, der Sprache der Roma und Sinti3, so viel wie „ Mensch, (Ehe-)Mann“, insbesondere „freier Mensch“ bedeutet.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dominierte unter europäischen Gelehrten die Vorstellung von der ägyptischen Abstammung der Roma. Ihre indische Herkunft wurde 1782 durch den Sprachforscher Johann Christian Christoph Rüdiger und 1783 durch den ersten wissenschaftlichen „Zigeunerforscher“ Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann auf der Grundlage von linguistischen Untersuchungen bewiesen. Man verglich Romani, die Romasprache, mit dem Sanskrit und einigen modernen indischen Sprachen.

Zigeunerin
Zigeunerin

In verschiedenen historischen Epochen wurden die Zigeuner unterschiedlich bezeichnet; sie wurden Athingani4 , Mandopolini, Aigupti, Katsibeli, Lori usw. genannt. Am gebräuchlichsten sind aber die Bezeichnungen „Ägypter5“ (engl. gypsies, span. Gitanos usw. - neugriechisch für „Ägypter") und „Zigeuner“ (franz.: tziganes, poln.: cyganie, russ.: cygane).

Weil das Wort “Zigeuner” in der Geschichte oft in einem abfälligen Sinn gebraucht wurde und mit vielen Vorurteilen belastet ist, hören die meisten Roma und Sinti es nicht gern.

Die dunkelhäutigen Menschen mit fremder Kultur und Sprache, ihre freiheitliche Lebensweise, ihre Schönheit und ihre ungewohnte Musik lösten gleichermaßen Neid und Angst aus. Sie wurden als Diebe, als Hexen und Zauberer, als Spione und als Kinderentführer verschrien, gefürchtet und verfolgt.

 

Woher kommen die Roma?

Punjab und Sindh in Indien
Punjab und Sindh im späten 18. und 19. Jahrhundert

Die Roma sind Nachfahren verschiedener Stämme sowie ethnischer und sozialer Gemeinschaften, die von Indien nach Europa und später in andere Teile der Welt migrierten.

Die meisten Historiker und Historikerinnen lokalisieren die ursprüngliche Heimat der Roma im Punjab6, nach denen die ersten Migrationen der Roma im 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. im Zusammenhang mit den Einfällen der Hephthaliten, der sogenannten Weißen Hunnen, in Indien erfolgten. Die Invasionen der Araber in die Provinz Sindh und die darauffolgende Islamisierung lösten im 8. Jahrhundert neue Romawanderungen aus.

 

Als die Roma im nördlichen Mesopotamien und an der Ostgrenze des Byzantinischen Reiches ankamen, teilten sie sich in drei Migrationsströme, die von Linguisten nach dem jeweiligen Wort für „Mann“ als Dom7 , Lom und Rom bezeichnet werden.

Roma auf der Wanderung
Roma auf der Wanderung

Der erste Strom, Dom, wandte sich nach Süden, nach Syrien und Palästina und von dort aus nach Ägypten und vielleicht nach Nordafrika.

 

Der zweite Strom, Lom, wanderte nach Norden, nach Transkaukasien (in das heutige Armenien und Georgien).

 

Der größte Wanderungsstrom schließlich, Rom, migrierte in die kleinasiatischen Gebiete des Byzantinischen Reichs und setzte dann auf den Balkan über, um später nach Mittel- und Westeuropa weiterzuwandern.

 

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1 Roma = vielfach verwendete Eigenbezeichnung für die Zigeuner. Im engeren Sinn wird die Bezeichnung Bezeichnung Roma überwiegend für Gruppen südosteuropäischer Herkunft gebraucht.

2 Die Benennung Zigeuner geht auf die Zeit der Übernahme des christlichen Glaubens im Byzantinischen Reich zurück. Mit dem griechischen Wort „Atsinganos“ (Unberührbare) bezeichnete man damals meist christliche Einsiedler aber auch andere, die außerhalb der Rechtshoheit der lokalen Behörden standen. Aus dem Wort Athingani wurde dann später Cikáni, Tsigane, Zigeuner, Zingari usw.
Das Wort „Zigeuner“ deutet somit auf einen besonderen Rechtsstatus hin, den die Roma bei ihrer Ankunft in Europa und teilweise och bis ins 17. Jahrhundert genossen.

3 Sinti = Untergruppe der europäischen Roma. Sie leben in Mittel- und Westeuropa und im nördlichen Italien. Sie gelten als die am längsten in Mitteleuropa lebende und als die größte in Deutschland lebende Roma-Gruppe. Die Bezeichnung Sinti wird allgemein eher für mitteleuropäische Zigeuner verwendet. In Ost- und Südosteuropa gehört die Mehrheit den orthodoxen Kirchen an, aber es gibt dort auch muslimische Zigeuner, die in der Türkei und den östlich angrenzenden Ländern die Mehrheit bilden.

4 Athingani = in Griechisch für "Unberührbare", "Menschen, die von anderen nicht berührt werden möchten bzw. die andere nicht berühren wollen", weil sie unrein sind oder, weil sie z. B. Unreines angefasst oder gegessen haben.

5 Ägypter = Die älteste und am weitesten verbreitete Ansicht war die, dass die Zigeuner aus Ägypten stammen. Diese Ansicht stützte sich auf die eigenen Angaben des Volkes bei seinem ersten Erscheinen im mittleren Europa (1417). Sie gaben an, aus Klein-Ägypten zu stammen.
In Byzanz, wie in der antiken Geografie, verwendete man das Wort "Groß-" für ein Land, das außerhalb seines Machtbereichs lag, während Gebiete, die innerhalb des Landes oder in der Nähe seiner Grenzen lagen, mit dem Zusatz "Klein-" versehen wurden. Zum Beispiel "Groß-Griechenland", die in der Antike die Gesamtheit der griechisch besiedelten Städte und Regionen des antiken Süditaliens war dementsprechend nicht "groß" in seiner Ausdehnung, sondern lag außerhalb der byzantinischen Grenze. Der Name "Klein-Ägypten" ist also auf ähnliche Weise entstanden wie beispielsweise der Name "Klein-Armenien" (ein Land in Byzanz, wo Armenier lebten, die von den Türken aus dem armenischen Reich vertrieben worden waren).
"Klein-Ägypten" war ohne Zweifel ein Ort in Byzanz, wo entweder tatsächlich "Ägypter" lebten oder Menschen, von denen man glaubte, sie kämen aus dem "echten" Ägypten, also dem Land am Nil.
Ende des 15. Jahrhunderts erzählen deutsche Reisende, von fest angesiedelten Zigeunern in Gyppe (Kleinägypten) in der Nähe der Stadt Methoni an der westlichen Küste des Peloponnes.
Es ist allerdings unklar, warum genau dieser Ort "Klein-Ägypten" genannt wurde. Warum die Roma als "Ägypter" bezeichnet wurden, warum dieser Name bereits am Ende des 13. Jahrhunderts verwendet wurde und warum er mit jenen, die früher Athingani genannt wurden, in Verbindung gebracht wurde, sind Fragen, die noch immer unbeantwortet sind.

6 Punjab = Bezeichnung für eine ehemalige Provinz in Britisch-Indien im Nordosten von Indien

7 Dom = eine große Gruppe indischer upjati (Unter-Kasten), die heute Dom genannt werden, gelten als eng mit den Roma verwandt.
In Indien, wo in der Kastengesellschaft Bindung der Gruppe an den Beruf besteht, führten sie (zum Teil bis heute) Arbeiten aus, die in den byzantinischen Aufzeichnungen als die Berufe der Athingani, Aigupti usw. erscheinen: Schmiede, Tierdresseure, Schlangenbeschwörer, Korbflechter, Siebhersteller, Schuster, Musiker usw..

 

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