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Die Roma1 in Europa

(Teil 2 von 4)

Roma in Konstantinopel
Roma in Konstantinopel

die erste Welle der Roma erreichte in der Zeit vom 9. bis zum 11. Jahrhundert über Konstantinopel2 europäisches Territorium und bevölkerte die europäischen Gebiete des Byzantinischen Reiches, Bulgarien, Serbien, Montenegro, Bosnien sowie die Donaufürstentümer Moldau und Walachei.

osmanischer Trommler
osmanischer Trommler

 

Viele Roma kamen aber erst später, zur Zeit der osmanischen Invasionen im 14. und 15. Jahrhundert, auf dem Balkan an.

Die Roma nahmen entweder selbst an diesen Invasionen teil, z. B. als Hilfssoldaten, Handwerker oder Musiker, die im Dienste der Armee arbeiteten, oder gehörten zu den Menschen, die die Invasionen begleiteten.

 

 

Franciszek Streitt: eine Roma-Familie auf dem 
    Weg
Franciszek Streitt: eine Roma-Familie auf dem Weg

 

Das Osmanische Reich (1299-1922) dominierte den Balkan über fünf Jahrhunderte lang und beeinflusste Kultur und Geschichte dieser Region nachhaltig. Demzufolge spielt das Osmanische Reich auch eine Schlüsselrolle im Entwicklungsprozess der Roma.

 

Die Roma in den Donaufürstentümern

das Fürstentum Moldau (1359 -1418)
das Fürstentum Moldau (1359 -1418)

Urkunden, die die Anwesenheit der Roma in Europa bekunden, sind die aus den Donaufürstentümern Moldau und Walachei (dem heutigen Rumänien), die zugleich deren Versklavung belegen. In den Donaufürstentümern waren sie für 500 Jahre Sklaven3 der Bojaren, Fürsten (als „Sklaven des Staates“ - „Tigania domneasca “) oder Kirchenvertreter.

 

Die Roma in der Walachei

Kloster Cozia
Kloster Cozia

So bestätigte im Jahr 1385 Dan I., Woiwode der Walachei, dem Marienkloster Tismana einige Schenkungen, zu denen auch 40 „Salasche“ (ein Wort aus dem türkischen, das „Familien“ oder „Zeltgemeinschaften“ bedeutet) der „Atigani“ („Zigeuner“) gehörten.

Der Nachfolger Dans, Mircea I., schenkte 1388 dem neu gegründeten Kloster Cozia 300 „Salasche“ Roma.

 

Alexander, der Gute
Alexander, der Gute

Die Roma in Moldawien

Im benachbarten Moldawien (zu dem auch Bessarabien ab 1360 zählte) übereignete 1428 Alexander der Gute dem Kloster Bistritz 31 „Tscheljadi“ (slawisches Wort für „Salasch“) „Tigani“ und 12 Zelte „Tartaren“. Man kann also davon ausgehen, dass Roma spätestens in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in den Balkanstaaten Fuß gefasst haben.

In den Donaufürstentümern waren Roma auf Grund ihrer handwerklichen Fähigkeiten sehr willkommen.

Nickolai Bessonov: Kartenlegen
Nickolai Bessonov: Kartenlegen

Der Lebensstil der Roma war charakteristisch, denn ihr Waren- und Dienstleistungsangebot richtete sich nicht an die Roma selbst, sondern an andere ethnische und soziale Gruppen der Balkan-bevölkerung. Ihre Haupttätigkeiten waren verschiedene Arten der Metallbearbeitung, der Pferde-handel, Reparaturen, die Wahrsagerei, das Handlesen, die Musik aber auch unredliche "Kunstfertigkeiten", wie Taschendiebstahl. Um ihre Handwerksprodukte besser absetzen zu können, bevorzugten die Roma das Nomadenleben der Sesshaftigkeit.

Konstantinopel
Konstantinopel

Als aber die Fürstentümer Moldau (1396) und Walachei (1500) dem Osmanischen Reich tributpflichtig wurden, kam der Handel in dieser Region fast ganz zum Erliegen. Die Erträge der Landwirtschaft wurden zu niedrigen Preisen nach Konstantinopel gebracht und durch sinkende Einkommen und eine höhere Steuerlast gerieten die Kleinbauern in Leibeigenschaft. Die Roma gingen in den Besitz des Staates, der Kirche oder der Großgrundbesitzer über und wurden für Jahrhunderte zu Sklaven oder Leibeigenen gemacht.

Nikolai Bessonov: Robi domnești
Nikolai Bessonov: Robi domnești

„Zigeuner sollen nur als Sklaven geboren werden; jeder, der von einer Sklavenmutter geboren wurde, soll ebenso Sklave werden“,

hieß es im walachischen Gesetzbuch Anfang des 19. Jahrhunderts. An- und Verkauf sowie das Verschenken oder Verpachten ganzer Sklavenfamilien waren gängige Praxis. Die jeweiligen Besitzer hatten fast uneingeschränkte Rechte über ihre Sklaven. Sie durften mit ihnen machen, was sie wollten, es war ihnen nur verboten, diese zu töten.

Goldwäscher
Goldwäscher

Es gab allerdings unterschiedliche Grade der Unfreiheit. Robi domnești (Unfreie der Krone) konnten als wandernde Schmiede (Kalderaš), Löffelschnitzer (Lingurari) oder Goldwäscher (Aurari) einigermaßen frei innerhalb des landesherrlichen Territoriums ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen, mussten allerdings dem Herrscherhaus Abgaben leisten und konnten nach Belieben an einen Fürsten oder ein Kloster verschenkt werden.

Die Robi mănăstirești (Unfreie der Klöster) und Robi boiereşti (Unfreie der Bojaren) arbeiteten als Landarbeiter ortsfest oder als Diener im Haus auf klösterlichen und weltlichen Gütern.

Roma bei der Zubereitung von Menschenfleisch
llustration einer französischen Zeitung

 

Bereits in vielen sehr frühen Quellen wird den Roma Sitten- und Gottlosigkeit oder Spionage im Dienste der Osmanen vorgeworfen und insgesamt das Bild von einem „verräterischen“ und „untreuen“ Volk gezeichnet, wenn auch ohne jeglichen Beweis.

 

 

 

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1 Roma = vielfach verwendete Eigenbezeichnung für die Zigeuner. Im engeren Sinn wird die Bezeichnung Bezeichnung Roma überwiegend für Gruppen südosteuropäischer Herkunft gebraucht.

2 Konstantinopel = alter Name der heutigen am Bosporus gelegenen Stadt İstanbul in der Türkei.
Der römische Kaiser Konstantin I., genannt Konstantin der Große, machte die eher kleine griechische Kolonialstadt Byzantion (Byzanz) im Jahre 330 zur Hauptstadt des Römischen Reiches und nannte sie "Nova Roma" (Das zweite Rom). Nach seinem Tode benannte man sie zu seinen Ehren in Konstantinopel um.
Konstantinopel war lange das Zentrum der Christenheit. Sie verband das Erbe der Römer mit der Philosophie der Griechen und dem Glauben der Kirchenväter. Im 12. Jahrhundert hatte Konstantinopel 1 Million Einwohner, die größte Stadt der Welt; 300 Jahre später lebten dort nur noch 50.000 Menschen. Die Perle der Christenheit hatte ihren Glanz verloren.

3 Sklaven = Leibeigene, die in völliger wirtschaftlicher und rechtlicher Abhängigkeit von einem anderen Menschen lebten. Während die Leibeigenschaft grundsätzlich als gegenseitige Verpflichtung (mit Abgabe- und Dienstpflicht bei relativer Eigentumsfähigkeit) zu begreifen war und keine totale Unfreiheit des Leibeigenen bedeutete, war der Sklave kein vollwertiger Mensch. Er wurde eher als Tier angesehen und gehörte zur beweglichen Habe seines Besitzers. Er konnte durch Gefangennahme, Kauf oder Schenkung erworben werden.

 

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