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Sofiental

(Sofiyivka, Stawrowa, Sofiivka Софиевка/Софіївка)

Eine deutsche Tochterkolonie in Bessarabien

(Teil 1 von 4)

Land der Steppen und Kurgane1,
stilles Bessarabien!
Unter deinen stolzen Fahnen
woll'n wir Deutschen feste steh'n.
Weite Steppen, grüne Wiesen,
reiches, fruchtbeladenes Land,
hoch und herrlich sei gepriesen
unser zweites Vaterland.

                                            Solo

 

Kurgan
Kurgan

sofiental gehörte nicht zu den Muttergemeinden, die zu beiden Seiten des Steppenflusses2 Kogelnik (Cogâlnic) in den Jahren zwischen 1814 und 1823 gegründet wurden. Die Ländereien links und rechts des Kolonistengebietes hatte der Zar an seine Generale verteilt, die sich durch besondere Verdienste um den Hof rühmen durften. Einer dieser Glücklichen war der Großfürst Demidow, dem Zehntausende von Desjatinen3 zugeteilt wurden – mit dem Befehl, sie baldmöglichst zu besiedeln.

Das Dorf Demidowka (Demidovka) war der Beweis des kläglichen Scheiterns dieses Unternehmens. Einen kleinen Teil dieses riesigen Besitzes (2785 Desjatinen südwestlich von Akkerman) vererbte er seiner Tochter Sofia Demidow.

 

Die Entstehung der Pächterkolonie Sofiental

Gräfin Sofia, die selbst in Paris lebte, siedelte auf diesem Land deutsche Pächter an, die als Gründer des Dorfes Sofiental zu betrachten sind.

 

Diese Besiedlung erfolgte im Spätsommer 1863. Die Pächter kamen hauptsächlich aus den Gemeinden Großliebental, Alexanderhilf und Neuburg im Regierungsbezirk Cherson am Fluss Dnjepr, jenseits des bessarabischen Grenzflusses Dnister.

1. Dörfer in Bessarabien

Laut Pachtvertrag mussten jährlich 1 Rubel und 50 Kopeken pro Desjatine bezahlt werden. Die Siedlung sollte den Namen der Herrin (Sofia) bekommen. So kam es zur Namensgebung „Sofiental“.

 

Der Bau der 1. Siedlerhäuser in Sofiental

Gräfin Sofia Demidow war eine sehr gütige und hilfsbereite Frau, die die Pächter auch beim Bau ihrer Häuser kräftig unterstützte. So schenkte sie den Siedlern die Steine für das Fundament eines jeden Siedlerhäuschens und später auch noch alle Steine zum Bau des Schul- und Bethauses.

Ziegelsteine aus Stroh-Lehm-GemischDie Wände der Häuser wurden aus Lehm gestampft, oder aus einem Stroh-Lehm-Gemisch hergestellt. Von der Festigkeit dieser Bauweise konnten sich auch die Käufer noch nach mehr als 30 Jahren überzeugen, als die Pächterhäuschen abgerissen werden mussten, um Neubauten Platz zu machen.

Trotz der primitiven Bauweise waren es gesunde und trockene Wohnungen: im Sommer kühl und im Winter warm und gemütlich.

Dorf

Warum die Pächter im Laufe der nächsten Jahre nicht käuflich erworben haben, ist nicht bekannt. Auch die Pachtzinserhöhung auf 2 Rubel 50 Kopeken im zweiten Pachtvertrag konnte kein Grund dazu gewesen sein. Das Hauptverhängnis war wohl die Nähe der Kreisstadt Akkerman (15 km) und das sorglose „In den Tag hineinleben“. Die erste große Missernte wurde deshalb den Pächtern auch zum Verhängnis. Sie konnten den fälligen Pachtzins nicht mehr bezahlen.

 

Der Verkauf der Gemeinde Sofiental

Der Bruch der eingegangenen Verpflichtungen veranlasste die Gräfin die Verträge im Jahr 1899 zu annullieren und das Land zum Verkauf anzubieten.

Der Bevollmächtigte bot das Land samt Bauten und Gärten usw. dem im bessarabischen Unterland überall bekannten Landkaufvermittler Gottfried Schulz aus Neu-Posttal an.

Damit war das bittere Los der Pächter besiegelt. Der endgültige Beschluss der immer nachsichtigen und gütigen Gräfin schlug wie ein Blitz aus heiterem Himmel bei ihnen ein. Fast alle glaubten, die Schuld nicht bei sich selbst, sondern bei den neuen Käufern und ganz besonders bei dem Kaufvermittler Schulz suchen zu müssen.

Ob die Gräfin die Pächter für die Gebäude und was sie sonst noch zurücklassen mussten, entschädigt hat, ist nicht aktenkundig.

Auf jeden Fall kamen die meisten Pächterfamilien jetzt in ganz große Not. Wohin sollten sie? Auch bei der Versteigerung des beweglichen Inventars, die vor der Übergabe des Dorfes an die neuen Eigner erfolgte, kamen die Pächter sehr schlecht weg.

 

Zu diesem Zeitpunkt waren noch folgenden Pächterfamilien in Sofiental:

Ahnert Friedrich, Berg Christine, Berg Friedrich, Beck Karl, Berg Jakob, Berg Vinzens, Esch Andreas, Fink Katharina, Hannemann Martin, Hannemann Martin II, Löffler Jakob, Maaß Friedrich, Mutschler Jakob, Näher Jakob, Näher Ludwig, Raußer Gustav, Renz Katharina, Roller Georg, Schmidt Friedrich, Schramm Gottlieb, Schuler Johann, Schüler Charlotte, Steeg August, Steeg August II, Stefan Johann, Stephan Philipp (der Metzger), Stortz Felix (der Schmied), Leonhard Torno, Wiedmaier Peter und Zweigle Christian.

 

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1 Kurgan = großer, aus Erde und/oder Steinen aufgeschütteter kegelförmiger Grabhügel, der oft weithin sichtbar ist. Oft bildet er eine Kette von 5 bis 10 Kilometer Länge. Man findet ihn vorwiegend auf der höchsten Erhebung in den Steppengebieten.
In der Eisenzeit (1. Jahrtausend v. Chr.) wurden Kurgane vor allem von Skythen und Sarmaten auch im Schwarzmeergebiet errichtet. In den unterirdischen Grabkammern beerdigten die Skythen ihre kostbar geschmückten Fürsten und Heerführer mitsamt deren Frauen und Konkubinen, Leibdienern und geopferten Pferden. Ausgestattet mit ihren besten Waffen, prunkvollen Kleidern, Gerätschaften und mit Wein gefüllten Amphoren sollten die Verstorbenen auch im Jenseits die Annehmlichkeiten ihres Herrscherdaseins genießen können.
Für eine Anlage eines Kurgans mit einem Volumen von 75 000 m3 benötigte man immerhin eine 75 000 ha große Grasfläche.
2 Steppenfluss = Viele Steppenflüsse erhalten ihr Wasser nicht durch Quellen, sondern durch Regen und Schneeschmelze und trocknen in der Sommerhitze häufig aus.
3 1 Desjatine = 1,0925 ha

Quelle: Berthold Mayer: Sofiental - Eine deutsche Gemeinde in Bessarabien, Greiserdruck Rastatt, 1973;

 

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