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Das Auswanderungsverbot im Königreich Württemberg

 

die eiserne Zeit, 1806-1805
Bauern mit Sensen

für viele schien die Auswanderung der einzigste Schritt, die eigenen Lebensverhältnisse zu verändern.

Schon im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts (1751-1755; 1795-1799; 1800; 1805) bildete der Schwarzwald eine der wichtigsten Auswanderungs-regionen in Württemberg; damals zogen die Württemberger meist in das durch die Türkenkriege entvölkerte Ungarn Maria Theresias (Donauschwaben) oder das dünnbesiedelte Russland Katharinas der Großen.

Zwischen 1795 und 1799 war die Emigration zu einer Dauererscheinung geworden. Der ökonomische Druck war durch ein hohes Preisniveau und durch wachsende Steuerlast gestiegen. In den Jahren 1800/1801 stieg daher auch die Zahl der Auswanderer zu neuen, die Obrigkeit beunruhigende Höhen.

Bauernfamilie
Bauernfamilie

Der damalige Herzog Friedrich II. reagierte am 20. Mai 1805 zum x-ten Male darauf mit einem Generalreskript, indem er verbot, „sich auf Werbungen einzulassen und Unterhändlern in fremde, mit dem Reiche in keiner Verbindung stehende Länder zu folgen.

Da auch dieses Reskript ohne Erfolg blieb (manch Auswanderungswilliger schlich sich heimlich aus dem Lande fort), erließ Friedrich, nun König von Württemberg, am 29. Mai/1. Juni 1807 ein striktes Auswanderungsverbot.

[Nr.] 1748.
Rescript der Kön.[iglichen] Ober-Landesregierung, betreffend das Verbot der Auswanderung, vom 29. Mai/1. Juni 1807.

(Friedrich.) Da Unsere Allerhöchste Willens-Meinung dahin geht, daß keinem Unserer kön.[iglichen] Unterthanen das Auswandern mehr erlaubt seyn solle, so lassen Wir Euch solches zu Eurer Nachricht und um die in dem Euch allergnädigst anvertrauten Kreisbezirk befindlichen Oberbeamten hienach bescheiden zu können, hiemit unverhalten. Daran Stuttgardt, im kön. Ober-Landes-Regierung. d. 29. Mai/1. Juni 1807.

aus: Sammlung der württembergischen Regierungs-Gesetze, Vierter Theil, enthaltend die Gesetze von 1806 bis 1820, Ludwig Friedrich Fues, Tübingen, 1846, S. 97;

In Württemberg hatte fast 300 Jahre lang, seit 1514, Auswanderungsfreiheit bestanden.

Nun war sogar den Handwerkersjungen das Wandern und den Studenten das studieren in nicht-württembergischen Universitäten untersagt.

Hintergrund dieser Maßnahme war nicht zuletzt der Wunsch oder die Pflicht des Landesherrn nach mehr Soldaten und Menschen (Steuerbezahler).

mehr zum Auswanderungsverbot in anderen deutschen Ländern ..... klicke hier

 

 

1. Seite der Bundesakte von 1815
1. Seite der Bundesakte von 1815

Erst die Landständische1 Verfassung des Königreichs Württemberg vom 15. März 18152 sollte mit Artikel 563 die Auswanderungsfreiheit wieder-herstellen.

Außerdem garantierte die Verfassung des Deutschen Bundes von 1815 in § 18 den Untertanen deutscher Fürsten4 und den Bewohnern der freien Städte die des feyen Wegziehens aus einem deutschen Bundesstaat in den andern, der erweißlich sie zu Unterthanen annehmen will.

Dementsprechend wurde das 1807 aufgehobene Auswanderungsrecht wieder hergestellt.

In Württemberg erlangte die Landständische Verfassung von 1815 allerings erst am 25. September 1819 offiziell Geltung. So versicherte der Staat in § 24 jedem Bürger Freiheit der Person, Gewissens- und Denk-Freiheit, Freiheit des Eigenthums, und Auswanderungs-Freiheit.

 

Anscheinend soll Zar Alexander I. ein Abkommen mit seinem Schwager König Wilhelm von Württemberg geschlossen haben, dass württembergische Untertanen für 6 Jahre nach Russland auswandern durften.

mehr zum Ansiedlungsmanifest von Alexander I. ..... klicke hier

 

Bibelstunde
Bibelstunde

Während der Zeit des Auswanderungsverbotes (1807-1815) stauten sich der ökonomische und politische Druck, die religiöse Ausgrenzung und der Wunsch nach Auswanderung an.

Im Hintergrund bildeten sich in diesen Jahren immer mehr Pietistengruppen, die ungeduldig darauf warteten, in einer fernen, aber Hoffnung weckenden Welt ihre religiös-sozialen Utopien zu verwirklichen.

 

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1 Landstand = die nach Ständen (Geistlichkeit, Ritterschaft, Städte, selten auch die Bauern) gegliederte Vertretung des Landes gegenüber dem Landesherrn.

2 Landständische Verfassung des Königreichs Württemberg = Bei den Verhandlungen auf dem Wiener Kongress (18. September 1814 bis 9. Juni 1815) bestand das Ziel, für das neu zu konstituierende Deutschland eine bundesstaatliche Verfassung zu errichten. Der Erstentwurf des Konzepts für einen Staatenbund wurde von Metternich am 23. Mai 1815 der Versammlung der deutschen Einzelstaaten zugeleitet. Württemberg opponierte gemeinsam mit Bayern gegen diesen Staatenbund. Weil König Friedrich mit einer eigenen Verfassung der Bundesverfassung zuvorkommen wollte, legte er bereits dem am 15. März 1815 einberufenen Landtag ein Staatsgrundgesetz vor. Württemberg unterzeichnete erst am 1. September 1815 die Deutsche Bundesakte und trat damit erst nachträglich dem am 8. Juni 1815 gegründeten Deutschen Bund bei. Der Entwurf des Staatsgrundgesetzes traf auf starken Widerstand der Landstände, die die bisherige auf dem Tübinger Vertrag vom 8. Juli 1514 basierende Verfassung wieder in Kraft setzen wollten. Den Landständen gelang es, die Bevölkerung in einer Kampagne für das alte Recht auf ihre Seite zu ziehen. Einer der Protagonisten dieser Bewegung war der Dichter und Politiker Ludwig Uhland, der hierfür eigens das Gedicht 'Das alte, gute Recht' verfasste. Die Kampagne war so wirksam, dass das von König Friedrich vorgelegte Staatsgrundgesetz nicht verabschiedet wurde. Die völlig überarbeitete Verfassung wurde erst durch seinen Nachfolger König Wilhelm I. am 25. September 1819 erlassen.

3 Artikel 56 der Landständischen Verfassung vom 15. Merz 1815 = Jeder Unterthan hat, wenn er von der Militairpflichtigkeit befreyt ist, oder derselbe Genüge geleistet hat, das Recht, mit seiner Familie auszuwandern. Nur muß er dieses Vorhaben nicht nur seiner vorgesetzten Obrigkeit anzeigen, sondern auch in den öffentlichen Blättern bekannt machen, und auf das Unterthanen- und Bürgerrecht für sich und seine mit ihm auswandernden Kinder Verzicht leisten.
Vor dem Ablaufe eines Jahrs nach dieser Bekanntmachung darf er das Königreich nicht verlassen, um innerhalb dieses Zeitraums seine Angelegenheiten in Richtigkeit zu bringen, und in streitigen Fällen rechtlichen Austrag vor den Behörden den Königreichs zu geben und zu nehmen.
Frauens-Personen, welche sich auswärts verheirathen, müssen während des bestimmten Jahrs hierin von ihren Eltern oder Pflegern vertreten werden.
An Abzugs-Gebühren hat der Auszuwandernde eben so viel zu bezahlen, als die in das Königreich hereinziehenden Angehörigen eines fremden Staats, in welchem jener sich niederläßt, zu entrichten haben.

4 Fürst (althochdeutsch furisto, „der Erste“, vgl. englisch first, „erst, als erstes“) ist in der hierarchischen Ordnung des Adelssystems im alten Reich der höchste Titel, unter dem auch Herzöge, Land-, Mark- und Pfalzgrafen inbegriffen waren.

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