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Bessarabien unter russischer Herrschaft

(Teil 6 von 7)

Die Umsiedlung der Bessarabiendeutschen

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ie Nachricht des sowjetischen Ultimatums an Rumänien erfuhr die bessarabische Bevölkerung am Vorabend des russischen Einmarsches aus dem Radio.

Hungersnot
Hungersnot

In den deutschen Dörfern löste die Invasion einen tiefen Schock aus, denn von ihren Verwandten und Bekannten östlich des Dnisters waren sie seit Jahren über die katastrophalen Auswirkungen der sowjetischen Agrarpolitik, der Kollektivierung und der Kulaken1verfolgung, über Hungersnöte und das daraus folgende Massensterben, politische Repression und Deportation genau informiert.

Es schien, als ob die Bessarabiendeutschen nun eben doch jenes Schicksal ereilen würde, dem sie 1918 entkommen waren.

 

Umsiedlung
Umsiedlung

Aber bald sickerte durch, dass die deutsche Reichsregierung über eine Aussiedlung verhandeln und die Deutschen aus Bessarabien und der Nordbukowina ins Deutsche Reich umsiedeln und dort geschlossen ansiedeln wolle2, was dann ganz anders kommen sollte, denn nur der geringste Teil der Umgesiedelten erreichte auf direktem Weg das „Altreich“.

Die meisten der Umsiedler sollten die besetzten Ostgebiete "eindeutschen". Dazu wurden allein im Warthegau etwa 630.000 polnische und jüdische Einwohner aus ihren Wohnungen, Höfen, Geschäften usw. vertrieben. Auch meine Eltern und Verwandte waren von dieser Umsiedlung in den Warthegau betroffen.

Reichsgau Warthegau im 
      Großdeutschen Reich, 1945
Reichsgau Warthegau im Großdeutschen Reich, 1945

 

Volksdeutsche aus Bessarabien auf dem Wege nach Galatz
Bessarabiendeutsche auf dem Wege nach Galatz

So wurden bis Mitte 1941 von den insgesamt 93.342 deutschen Umsiedlern aus Bessarabien 41.603 Personen im Warthegau und 42.901 Personen in Danzig-Westpreußen angesiedelt. 4.000 bessarbiendeutsche Umsiedler kamen Ende 1942 in den Kreis Zamość (Distrikt Lublin).

Volksdeutsche Umsiedler auf dem Bahnhof von Graz
Volksdeutsche Umsiedler auf dem Bahnhof von Graz

Die Enttäuschung der Bessarbiendeutschen war groß, denn sie erwarteten, wie versprochen eine Ansiedlung innerhalb des Deutschen Reiches, aber nicht auf eine Landnahme in einem besetzten Staatsgebiet, dessen frühere Bewohner enteignet und zum Teil vor ihren Augen vertrieben worden waren.

 

Karikatur von Hitler und Stalin aus der Zeit nach dem 
      Hitler-Stalin-Pakt
Karikatur von Hitler und Stalin
Hilter: „der Abschaum der Menschheit?"
Stalin: „der blutige Mörder der Arbeiter?"

Sowohl für Hitler wie für Stalin waren die sogenannten Bevöl-kerungsverschiebungen gar nichts anrüchiges, im Gegenteil sie galten als Maßnahmen, um ethnische Konflikte zu lösen. Sie waren in beiden Fällen eine der Konsequenzen der totalitären Herrschaft der beiden Gewalt-herrscher. Hitler instrumenta-lisierte dafür die “Nationalidee“, Stalin die Idee des Marxismus.

 

1 Kulak = Begriff, der im Russischen seit dem 19. Jahrhundert für relativ wohlhabende Bauern verwendet wurde. Bis 1917 war er auch eine abwertende Bezeichnung für Vermittler, Wucherer und Betrüger. Nach der Oktoberrevolution von 1917 wurde die Bedeutung des Begriffes "Kulak" mit allen "Landausbeutern " gleichgesetzt: Selbst diejenigen, die nur eine Kuh hatten oder einen Tageslöhner oder Diener beschäftigten gehörten zu dieser Kategorie. Diese Menschen und ihre Familie wurden als Klassenfeinde diffamiert und verfolgt.

2 Obwohl zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich bereits 1939 im Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag Umsiedlungsverträge für die Deutschstämmigen aus Est- und Lettland (Baltendeutsche) und den ehemals ostpolnischen Gebieten (Wolhynien, Galizien, Narew) ausgehandelt worden waren, ergaben sich um die Umsiedlung der Bessarabiendeutschen und der Deutschen aus dem nördlichen Buchenwald (Bukowinadeutsche) sehr harte Verhandlungen, die am 22. Juli 1940 in Moskau eingeleitet, aber erst am 5. September 1940 durch die Unterzeichnung des Umsiedlungsvertrages "Heim ins Reich" abgeschlossen werden konnte.

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