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Bessarabien unter russischer Herrschaft

(Teil 1 von 4)

 

Der 8. Russisch-türkische Krieg (1806 - 1812)1

Schlacht von Athos, Bild von Alexei Bogoljubow
Alexei Bogoljubow:
Die russische Flotte nach der Schlacht von Athos

folge des russischen Ex-pansionsdrangs in Richtung Konstantinopel war der 1806 begonnene russisch-türkische Krieg.

Während des Krieges wurde schon ein Teil der nomadisierenden Türk-völker, die im Budschak (Tatarisch: Winkel, Dreieck) lebten, von den Russen auf die Krim umgesiedelt; ein Großteil der Nomaden war bereits mit den Osmanen2 geflohen und in die Dobrudscha evakuiert worden.

Alexander I.
Alexander I.

 

1812 drängte der russische Zar Alexander I. zum Friedensschluss, um sich auf den bevorstehenden Krieg mit Napoleon zu konzentrieren.

Der Bukarester Frieden beendete den russisch-türkischen Krieg.

Das Osmanische Reich musste Territorien im Kaukasus und den östlichen Teil des Fürstentums Moldau an das Russische Reich abtreten.

Der westliche Teil Moldaus und die Walachei blieben weiterhin im Einflussbereich des Osmanischen Reiches.

 

Bessarabien unter russischer Herrschaft

Grenze zwischen Osmanischem Reich und Russland 1812
1812:
Grenze zwischen Osmanischem Reich und Russland

Die Grenze zwischen dem Osmanischen Reich und Russland verlief ab 1812 nicht mehr am Dnister, sondern 100 km bis 125 km weiter westlich am Pruth.

Russland übernahm Land zwischen den Flüssen Pruth und Dnister mit einer Fläche von etwa 45.000 km². Das Gebiet umfasste die moldauischen Bezirke Greceni, Codru, Hotarniceni, Orhei, Soroca, Teile von Jassy und Carligatura, die osmanischen Sandschaks (Regierungsbezirke) von Hotin, Bender, Akkerman, Kilia, Ismajil, Reni und den von den Tataren verlassen Budschak oder Tatarlyk. Den ursprünglich nur für den Südteil (Budschak) geltenden Begriff Bessarabien wurde nun auf das gesamte Gebiet ausdehnt.

Russland gelangte in den Besitz eines schwach besiedelten Landes: 5 Festungen, 14 oder 15 Marktflecken, 500-600 Dörfer und einer Gesamtbevölkerung (nach offiziellen russischen Zahlen vom 23. Juli 1812) von 41.160 Familien, was rund 250.000 Personen entspricht; nach einer russischen Schätzung lebten 1813 in Bessarabien rund 55.560 Familien und zwar überwiegend Rumänen bzw. Moldauer.

 

Bessarabien von 1812 bis 1940
Bessarabien von 1812 bis 1940

Im waldreichen Norden lebten vor allem Rumänen bzw. Moldauer und Ukrainer. Moldauische Adlige (Bojaren3), die in Bessarabien geblieben waren, wurden 1818 den russischen Adligen rechtlich gleichgestellt.

Im Unterschied zu Mittel- und Nordbessarabien, das von einer moldauischen Mehrheitsbevölkerung bewohnt und von Bojaren und orthodoxen Klerikern dominiert wurde, war der südbessarabische Budschak (Tatarisch: Winkel, Dreieck), nach dem die islamischen Nogaier-Tataren4 auf die Krim zwangsumgesiedelt worden waren, fast menschenleer.

 

Budschak
Budschak

Ab 1812 wurde der südliche Teil Bessarabiens, der Budschak, an verdiente russische Adlige verschenkt.

Die fruchtbare Steppe war jetzt frei für die Besiedlung durch russische, ukrainische und moldauische Bauern sowie durch im Ausland angeworbene Kolonisten.

 

Am 29. November 1813 erließ Alexanders I. ein Einladungsmanifest, das vor allem an die deutschen Kolonisten im Herzogtum Warschau gerichtet war.

Alexander, der während des russischen Vormarsches in Polen (1812) auf die drückende Steuerlast, Verarmung, Angst und Unsicherheit der dort lebenden deutschen Kolonisten aufmerksam wurde, lud sie nun ein, als Kolonisten nach Bessarabien zu kommen.

Den "Warschauern" musste dieser Aufruf wie eine Erlösung erschienen sein, zumal sie dort Land, Ansiedlungshilfen und Selbstverwaltungsrechte, sowie gegebenenfalls auch das Recht zur Rückkehr erhalten sollten.

mehr zum Ansiedlungsmanifest von Alexander I. Ansiedlungsmanifest von Alexander I.

 

Gagausien im Süden Moldawiens
Gagausien mit Hauptstadt Comrat
im Süden Moldawiens

Neben Deutschen und Schweizern siedelte die russische Kolonialbehörde ab 1814 in Bessarabien auch andere Volksgruppen an, die allerdings nur teilweise den Kolonistenstatus und die damit verbundenen Privilegien erhielten. Als kleine Minderheit inmitten der bunten Vielfalt ethnischer Gemeinschaften lebten die deutschen Kolonisten mit Moldauern (Rumänen), Bulgaren5, Gagausen6 (Gagausien), Russen, Ukrainern, Juden und anderen in guter Nachbarschaft.

 

Von 1814 bis 1842 wurden 25 Mutterkolonien gegründet, aus denen dann später über 100 Tochterkolonien hervorgingen.

mehr zu den deutschen Siedlungen in Bessarabien ...... mehr zu den deutschen Siedlungen in Bessarabien
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zweisprachige Karte von Bessarabien aus dem Jahr 1821 (in rosa das Gebiet der deutschen und polnischen Siedlungen)
zweisprachige Karte von Bessarabien aus dem Jahr 1821 (in rosa das Gebiet der deutschen und polnischen Siedlungen)

 

Der administrative und soziale Status quo blieb in Bessarabien zunächst erhalten. Die russische Obrigkeit billigte den Einwohnern Bessarabiens unter anderem:

  • Erlass der Steuern für 3 Jahre
  • Befreiung vom Militärdienst für unbestimmte Zeit
mehr zu den Privilegien Alexanders I. ...... mehr zur Ansiedlungspolitik Alexanders I.
Alexander Tokarev: Lipovanermonument in Vylkove
Alexander Tokarev:
Lipovanermonument in Vylkove

 

Nach der ersten russischen Volkszählung aus dem Jahr 1816 bestand die Bevölkerung aus:

  • 83.848 rumänischen (moldauischen) Familien (87 % der Gesamtbevölkerung)
  • 6.000 ruthenischen (frühere Bezeichnung für ukrainisch) Familien (6,3 %)
  • 3.826 jüdischen7 Familien (4 %)
  • 1.200 lipowanischen8 Familien (1,2 %)
  • 640 griechische Familien (0,7 %)
  • 530 armenische Familien (0,6 %)
  • 241 bulgarische5 Familien (0,3 %)
  • 241 gaugasische6 Familien (0,3 %)

 

Allerdings muss gesagt werden, dass die ersten Schätzungen generell unsicher sind, da im Jahr 1812 keine Bevölkerungszählung durchgeführt wurde und die Bevölkerungsstatistik auch danach lückenhaft blieb, da es in den ersten Jahrzehnten erhebliche Bevölkerungsbewegungen gab.

Sie waren z.T. dadurch ausgelöst, dass die ansässige ländliche Bevölkerung befürchtete, unter russischer Herrschaft ins Joch der Grundherren zu geraten. Viele flüchteten und kehrten erst zurück, als per Ukas bekanntgemacht wurde, dass die Leibeigenschaft nicht in Bessarabien eingeführt werde.

mehr zur Leibeigenschaft in Russland mehr zur Leibeigenschaft in Russland

 

eine gagausische Familie
eine gagausische Familie

 

Aber zurück zur Volkszählung von 1816. Die deutschen Kolonisten waren in dieser Aufstellung noch nicht berücksichtigt und die Zigeuner galten zu jener Zeit als Leibeigene des Staates, der Bojaren oder der Kirche und wurden statistisch nicht erfasst.

 

russischer Bauer
russischer Bauer

Noch vielfältiger war die ethnische Zusammenstellung in Südbessarabien, dem eigentlichen Siedlungsgebiet der deutschen Kolonisten. Eine Volkszählung aus dem Jahr 1827 zählte knapp 113.000 Personen, die 20 verschiedenen Ethnien bzw. religiösen Gruppierungen zuzurechnen waren.

Es gab Großrussen (Weißrussen) und Kleinrussen (auch als Ruthenen, oder Ukrainer bezeichnet), Lipowaner8 (russische Altgläubige), Moldauer (Rumänen), Bulgaren5 und Gagausen6, Deutsche, Schweizer, Polen, Juden, Griechen, Armenier, Arnauten, Zigeuner, Serben, Türken, Kosaken sowie Angehörige verschiedener religiöser Sekten.

In dieser Buntheit kommt zum Ausdruck, dass Südbessarabien in seiner Geschichte nicht nur ein Durchgangsland, sondern auch ein Zufluchtsort für verfolgte Minderheiten und religiöse "Häretiker", aufständische Freiheitskämpfer, entlaufene leibeigene Bauern aus Russland und der Ukraine, in die Flucht getriebene Kosaken usw. gewesen war.

Gruß aus der Bukowina
multiethnischer Gruß aus der Bukowina

 

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1 Die Russisch-Türkischen oder Russisch-Osmanischen Kriege waren eine Folge von 11 Kriegen zwischen dem Russischen Reich und dem Osmanischen Reich. Zwischen den einzelnen Kriegen lagen im Schnitt 13 Jahre. In ihrem Verlauf musste das Osmanische Reich nach und nach Gebiete rund um das Schwarze Meer an Russland abtreten. Die Kriegsanstrengungen und die Niederlagen führten im Osmanischen Reich zum inneren Zerfall und Niedergang.

2 Osmanen = ein historisches Turkvolk in Kleinasien, seit 1923 einheitlich als Türken bezeichnet

3 Bojaren = Adlige unterhalb des Ranges eines Fürsten (Knjas). Vom 8. - 14. Jahrhundert, teilweise bis noch 1945, bildeten sie die herrschende Schicht der Großgrundbesitzer.

4 Nogaier = türkisch-tatarisches Volk, das sich selbst als unmittelbaren Erben der einstigen Nogaier-Hord sieht. Die Volksbezeichnung rührt vom Namen des Mongolenherrschers Kara Nogai Khan her. Sie hatten die Reputation von Steppenvagabunden, die Außenseiter aufnahmen.

5Bulgaren = einzelne bulgarische Familien kamen schon 1770, 1790 und 1806 als Emigranten in die Gegend von Ismail, in den Budschak nach Südbessarabien, um Schutz vor dem Osmanischen Reich zu finden. 1812, nachdem Bessarabien zum Russischen kam, lebten bulgarische Kolonisten in 60 Dörfern Bessarabiens.
Größere Gruppen wanderten im Rahmen der russischen Ansiedlungen nach der endgültigen russischen Übernahme von 1812 ein. Sie ließen sich westlich von Ismajil bei der Stadt Bolgrad und auf den von den Tataren verlassenen Gebieten im Süden nieder.
1819 erhielten die 24.000 in Bessarabien lebenden Bulgaren eine Selbstverwaltung und den Kolonistenstatus, der mit Privilegien verbunden war. 1927 lebten zirka 150.000 Bulgaren in Bessarabien.

6 Gagausen = christliche Volksgruppe im autonomen Gebiet Gagausien in Moldawien, im Südosten von Bessarabien, sowie in Russland, der Ukraine, Rumänien und Bulgarien; als Vorfahren der Gagausen gelten die Turkölker der Petschenegen und der Kyptschaken.

7 Juden wohnten hauptsächlich in den Städten oder in den Marktflecken mit gemischter Bevölkerung. 1897 betrug ihr Anteil an der städtischen Bevölkerung Bessarabiens durchschnittlich etwas mehr als ein Drittel. In den nordbessarabischen Städten Orgejew, Soroki, Belzy und Chotin waren mehr als die Hälfte der Einwohner Juden. In der Hauptstadt Chişinău lag der jüdische Bevölkerungsteil bei 46 Prozent.
In den Kolonien lebten um die Jahrhundertwende kaum mehr als 7% Juden; meist waren sie in den größeren Orte der Kreise Ismail (Leowo) und Akkerman (Tatarbunar, Bairamtscha, Tarutino) oder in kleineren Ortschaften mit gemischter Einwohnerschaft ansässig.

8 Lipowaner = altgläubige orthodoxe Christen, die an der Donaumündung, im Budschak (heute Oblast Odessa, Ukraine) und in der Norddobrudscha (Rumänien), wohnen. Sie sprechen eine sehr alte Version der russischen Sprache. Im Russischen Reich wurden sie von Staat und Kirche verfolgt.

 

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