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Bessarabien unter russischer Herrschaft

(Teil 4 von 4)

 

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is Ende des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die soziale und ökonomische Situation Russlands zusehends.

Seeschlacht bei Sinope von Ivan Ajvazovskij
Ivan Ajvazovskij: Seeschlacht bei Sinope

Auf die Niederlage im Krimkrieg der Jahre 1853/1856 waren die Großen Reformen (Aufhebung der Leib-eigenschaft, 1861; Justizreform, 1864 und die Einrichtung von Selbst-verwaltungsorganen, 1864) Alexanders II. gefolgt.

 

Die innere Entwicklung Russlands

Industrialisierung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte auch Russland die industrielle Revolution. Hier führte sie zu einem stürmischen Wandel in der Volkswirtschaft und für die aufblühende Industrie war es kein Problem, Arbeitskräfte zu gewinnen. Die Bauernbefreiung 1861 hatte ja dafür genügend Potenzial in der Landbevölkerung freigesetzt.

 

Bartholomäus  Bruyn der Ältere: Die drei Stände der Christenheit
Bartholomäus Bruyn der Ältere:
Die drei Stände der Christenheit

Durch die Aufhebung der Leibeigenschaft entstand neben dem zweiten Stand (Adel, Klerus) und Dritten Stand (Bauern, Handwerkern, Händlern und anderen) nun auch ein Vierter Stand (Arbeiter).

Die zaristische Regierung war darauf schlecht vorbereitet, denn die neue Arbeiterschaft passte nicht in die im Zarenreich bestehende agrar-gesellschaftliche „Ordnung“. Der Stand der Arbeiter blieb ein Fremdkörper, den, trotz partieller Modernisierungs-bereitschaft, weder die Autokratie akzeptierte noch der Adel, der den kleinsten Anteil an der Bevölkerung des Zarenreiches darstellte und den Staat weiterhin trug.

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Das System der Leibeigenschaft hatte die industrielle Entwicklung des immer weiter hinter den westeuropäischen Ländern zurückbleibenden Russland behindert.

Leibeigenschaft

 

Die Auseinandersetzungen zwischen Slawophilen1 und Westlern2, die um das Verhältnis von Russland zu Westeuropa kreisten, spiegelten das politische Ringen zwischen Konservativen und Liberalen wider.

in einem südrussischen Dorf(Holzstich aus dem Jahr 1883)
in einem südrussischen Dorf
(Holzstich aus dem Jahr 1883)

Aber die Aufhebung der Leibeigenschaft der Bauern 1861 löste die wirtschaftlichen Probleme nicht. Zwar konnten die befreiten Bauern das Land vom Grundbesitzer kaufen, doch die Bedingungen dafür waren zu hart und das Land blieb somit in den Händen der Grundbesitzer. Es kam zu Bauern-unruhen.

Auf dem Boden dieser sozialen Konflikte entstand die insbesondere von Intellektuellen getragene Bewegung der Narodniki3. Ein Teil der Narodniki bildete 1879 die Geheimgesellschaft Narodnaja Wolja (Volkswille), die den Sturz der zaristischen Selbstherrschaft durch eine Bauernrevolution anstrebte und, die die Ermordung (1881) des Zaren Alexander II. organisierte.

 

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1 Slawophile = russische Geschichtsphilosophen des 19. Jahrhunderts (besonders A. S. Chomjakow, I. W. Kirejewski, K. S. Axakow), die im Gegensatz zu den Westlern die Eigenständigkeit der orthodoxen russischen Kultur und der altslawischen bäuerlich-sozialen Tradition (Mir = russisch: Welt, Gemeinde) betonten und an diese programmatisch anzuknüpfen suchten. Die Slawophilen wandten sich gegen die Europäisierung Russlands seit Peter dem Großen.

2 Westler (russisch Sapadniki) = um 1840 entstandene liberale Strömung der russischen Intelligenz, deren Vertreter (W. G. Belinski, A. I. Herzen, P. J. Tschaadajew u. a.) für die Abschaffung der Leibeigenschaft und (im Gegensatz zu den Slawophilen) für einen engen politischen und kulturellen Anschluss Russlands an Westeuropa eintraten.

3 Narodniki (russisch Volkstümler) = Anhänger einer in Russland von den 1860er-Jahren bis um die Jahrhundertwende verbreiteten literarischen und politischen Richtung (A. I. Herzen, N. G. Tschernyschewski, P. L. Lawrow). Die Narodniki forderten eine neue Gesellschaftsordnung in der Tradition des russischen Landvolks (unabhängig vom westlichen Kapitalismus), ausgehend vom Agrarkommunismus des Mir.

 

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