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Die Gründung der Mutterkolonie Sarata in Bessarabien

 

Sarata in Bessarabien
Sarata in Bessarabien

im Frühjahr 1822 war es endlich so weit. Die Anhänger Lindls bereiteten sich zum Umzug nach Bessarabien vor. Am 13. März ging es los und nach 6 Tagen, am 19. März 1822, traf der aus 50 Wagen bestehende Zug an der westlichen Seite des Flusses Sarata an.

Nach den Revisionslisten waren es 63 Familien und 9 ledige Personen (3 Frauen, 3 Männer), die die Kolonie Sarata gründeten.

 

Bei der Ankunft fielen die Kolonisten auf die Knie, beteten und beim Anblick der öden Steppe fingen sie an zu weinen. Es gab nichts als hohes Gras (Schilfgras), Bocksbart und allerlei Unkraut, wo sich nicht nur verschiedenes Wild und Ungeziefer aufhielten, sondern auch Diebe, Sträflinge und entflohene Leibeigene aus Russland, die einen Schlupfwinkel suchten und die Gegend unsicher machten.

Wo war die von den Werbern versprochene schönste und fruchtbarste Gegend, ein wahres Paradies mit zweimaliger Ernte?

 

Quellbrunnen
Quellbrunnen

Bei einem Quellbrunnen wurden die Wagen und die Tiere in Kreisform aufgestellt.

Groß und Klein versammelte sich in der Mitte um den lieben "Vater Lindl" und gaben ihm das feierliche Versprechen "als wahre Christen zu leben".

 

Zur Zeit der Ankunft der Kolonisten gab es auf dem Gebiet nur hie und da Einzelgehöfte, von moldauischen, russischen und bulgarischen Pächtern, die in ihren kleinen Holzhäuschen (von den Deutschen Chutor oder Futter genannt) wohnten und die Steppe als Weideland für ihre zahlreichen Herden benutzten. Auf dem Lindl zugewiesenen Landstück gab es 16 von diesen Einzelhöfen.

Erdhütte
Erdhütte

Am nächsten Tag wurde ein geeigneter Platz für die Anlage der Siedlung ausgesucht, die nach dem Namen des Flüßchens Kolonie im Thale Sarata Nr. 1 genannt wurde. Es wurde ein Altar errichtet und die ganze Gemeinde zog unter dem Gesang des Liedes "Fahre fort, fahre fort, Zion..." dorthin.

Daraufhin wurde der Ort zur Gründung der Kolonie von Lindl feierlich geweiht. Am Brunnen entstanden "Hütten", wahrscheinlich Erdhütten, in denen die Ankömmlinge bis zum Herbst desselben Jahres wohnten.

 

Hausbau
Hausbau

Jede Familie bekam 90 Rubel zum Kauf von Vieh. Für den Bau der Häuser wurden die meisten Familien mit 400, manche jedoch mit 650 Rubel bedacht. Die Regierung gewährte der Gemeinde für den Bau des Bethauses einen Kredit von 3.000, für den Bau der Schule 2.000, des Magazins 800 Rubel und zum Ankauf einer Pferde- und Windmühle 2.200 Rubel.

 

Unter der Leitung Lindls wurden die Bauarbeiten gemein-schaftlich ausgeführt. Die mit Staatsgeldern erbauten Häuser wurden Kronshäuser genannt.

Haus mit Halbwalmdach
Haus mit Halbwalmdach

Sie mussten nach Plan längs der Straße und zwei Faden (1 Faden = 2,133m) von der Straßenmauer entfernt gebaut werden. Sie hatten im Durchschnitt eine Länge von 141/2 Arschin (1 Arschin = 16 Werschok = 71,11cm), ca. 10 m, und eine Breite von 12 Arschin (8,50 m). Die Höhe der Zimmer betrug 2 Arschin und 12 Werschok (ca. 2 m). Anstatt der Giebel erhielten die Häuser Schlepp- und Walmdächer.

 

Kronshaus
Kronshaus1

Als Baumaterial dienten aus Lehm und Stroh hergestellte Batzen und Steine, die in der Nähe aus der Erde gebrochen wurden. Die Dächer der ersten Häuser bestanden teils aus Holzbrettern oder -schindeln, durch die oft Regen und Schnee drangen; deshalb traten an ihre Stelle Dächer aus Roggenstroh und Rohr.

Grundriss eines Kronhauses
Grundriss eines Kronhauses2

Die landlosen Einwohner, genannt Kleinhäusler, erhielten ihre Bauplätze am nordöstlichen Ende des Dorfes. Diese Leute bekamen zum Häuserbau keine Unterstützung.

Im Herbst konnten die 66 Gründerfamilien auf ihre Wirtschaftshöfe und die Kleinhäusler in ihre Häuser ziehen; auch das Haus des Pfarrers (6 Zimmer und 1 Küche) und ein geräumiger Betsaal, aus Stein gebaut, waren bis zum Einbruch des Winters fertiggestellt. Bis dahin wurden die täglichen Andachten oder Gottesdienste vor dem Zelt Lindls abgehalten.

Lehrer Magnus Natterer berichtete folgendes über den Häuserbau:

"Obgleich alle Häuser im ersten Jahr der Ansiedlung noch bezogen werden konnten, so waren sie doch noch in einem unvollendeten Zustand. Die Eingänge in dieselben und die wenigen Luftöffnungen, sowie die obere Decke waren entweder mit Rohr oder mit Tüchern (die auf der Reise als Wagendecken dienten) versehen. Daß so die Bewohner der Kälte und Nässe, deßgleichen der Winde in hohem Grade ausgesetzt waren, bedarf wohl keiner Beweisführung; daher kein Wunder, wenn zuweilen selbst die Gesunden auch den Tag über im Bette zubrachten, um die Kälte nicht so empfindlich zu fühlen. Oft waren diese Häuser von Regen und Schneegestöber ganz durchnässt und wer konnte sich vor den die ganze Wohnung durchbrausenden Winden und Stürmen verbergen"

Sarata 1822

 

Sarata
Colonie Sarata

Den konfessionellen Unter-schied seiner evangelischen und katholischen Anhänger überwand Lindl, indem er eine allein auf Christus begründete Ordnung her-stellte, an die sich seine Anhänger freiwillig, durch ihre feste Glaubensüberzeugung hielten. Der Tagesablauf wurde vom kirchlichen Leben beherrscht:

"...... Morgens früh war Frühlehre, um 10 Uhr Hauptgottesdienst, um 2 Uhr Kinderlehre, abends Abendbetrachtung mit Gebet im Betsaal, wo auch jeden Tag ein Morgen- und Abendgebet stattfand....."

aus: Wilhelm Kludt: Die deutschen Kolonisten in Bessarabien, Die deutschen Kolonisten in Bessarabien in ihrem sittlichen und religiösen Zustande bis zum Jahre 1861, Odessa 1900;

 

 

Kronshaus
Kronshaus

Während sich das religiöse Leben in voller Blüte entfaltete, hatte Sarata in wirtschaftlicher Beziehung eine schwere Probe zu bestehen. Die Zeit der Ansiedlung war eine Zeit bitterer Not durch ansteckende Krankheiten und Mangel an Nahrungsmitteln. Manche Familie hatte wochen- und monatelang keinen Bissen Brot und gleich im ersten Jahr starb eine große Anzahl der Gemeindemitglieder.

 

Ansiedlerhaus Nr. 1 in Sarata
Ansiedlerhaus Nr. 1 des Aloisus Schertzinger in Sarata

Da die vorgesehene Zahl von 100/101 Wirtschaftshöfe (zu je 60 Desjatinen Land) noch nicht erreicht war, wanderten im April, Sommer und Herbst 1822 weitere württembergische und bayerische Anhänger Lindls nach Russland aus. Ende 1822 zählte Sarata 91 Familien (414 Personen).

mehr zur Auswanderungsliste von 1822 klicke hier

 

Die Kolonisten, die im Sommer und Herbst in der neuen Kolonie Sarata ankamen, wurden den Winter über in den Häusern der ersten Einwanderer untergebracht.

mehr zur Auswanderungsliste klicke hier

 

Verwaltungsbehörde in Sarata
Verwaltungsbehörde in Sarata

1832, nach 10 Jahren, war die Gründung Saratas beendet. Fortan musste das Dorfamt dafür sorgen, dass leer gewordene Höfe mit Kolonisten aus Sarata besetzt wurden. Wenn sich kein Sarataer auf eine frei Stelle meldete, ging diese an neue Ankömmlinge aus Deutschland und aus anderen Kolonien Russlands, die den Hof von den früher angesiedelten Familien abkauften.

Das Fürsorge-Komitee schaute streng darauf, dass die Höfe bebaut und das Land bearbeitet wurde. Wer aus eigener Schuld, etwa aus Faulheit, Trunksucht usw. seine Wirtschaft vernachlässigte, dem wurde sie, auf Beschluss der Gemeinde, vom Fürsorge-Komitee beschlagnahmt.

ein Dorf in Bessarabien
ein Dorf in Bessarabien

In den ersten 10 Jahren wechselten viele Wirtschaften ihre ursprünglichen Besitzer durch Krankheit, Tod, Nachlässigkeit und Trunksucht. Auch das Fehlen eines männlichen Erben oder auch Kinderlosigkeit muss hier erwähnt werden. Mehrere Wirte verarmten gänzlich und übergaben ihre Wirtschaft neuen Wirten gegen ein Ausgeding (Altenteil), andere wurden Tagelöhner oder Hirten. Die, die ihr Haus mit den darauf ruhenden Schulden verkaufen konnten, zogen in die alte Heimat zurück, in andere Dörfer und Städte Russlands.

So auch mein Urururgroßvater väterlicherseits, Christian Leonhard Bechtle, der 1832 mit seiner Frau Elisabeth Dorothea Groß und 9 Kindern nach Sarata auswanderte. In Sarata übernahmen sie den Hof Nr. 8 von Salomon Mack, der schon 1820 aus Brenz (Württemberg) nach Russland gezogen war. 1835 kam in Sarata das 12. und letzte Kind, Christina Louise, der Familie Bechtle zur Welt.

 

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1 Kronshaus nannte man die erste Unterkunft der Siedler, das vom russischen Staat (Krone) finanziert wurden.

 

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